Startseite
200 Jahre Blindenbildung
in aller Kürze
Schul-Struktur
Berufsfachschule Wirtschaft
Berufsschule Medien
Grundausbildung Gesundheit
Grundausbildung  Handwerk
Grundausbildung  Wirtschaft
Haupt- und Realschule
Grundschule
Förderschwerpunkt Lernen
FS Geistige Entwicklung
Gymnasium
Frühförderung
Förderzentrum Sehen
Heilpäda. Musizieren
Therapie
Schulgeschichte
Blinden-Bibliothek
Das Blinden-Museum
Publikationen
Experimentelle Musik  -neu
Wegbeschreibung
Links
Impressum

Publikationen

Thomas Kohlstedt, Sola Tetzlaff (Herausgeber)
200 Jahre Blindenschule Berlin
Jubiläumsfestschrift der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde und Berufsfachschule Dr. Silex
2006. 152 S., gebunden, viele Abbildungen, 15,50 Euro ISBN 3-934471-58-7

Textauszug aus dem Buch

Realschule und Hauptschule
Die Realschule und Hauptschule umfassen die Jahrgangsstufe 7-10 und schließen ab mit dem »Mittleren Schulabschluss« oder mit dem (Erweiterten) »Hauptschulabschluss« nach den gültigen Rahmenlehrplänen der Berliner Schule.
Jeder Schüler arbeitet an einem eigenen Computerarbeitsplatz, der individuell auf seine Bedürfnisse eingerichtet ist. Es werden verstärkt Lese- und Schreibtechniken am Computer vermittelt und trainiert. Es wird mit virtuellen Nachschlagewerken und Lernsoftware gearbeitet. Im Mathematikunterricht wird die Mathematikschrift »Lambda« benutzt.
In der 8. Klasse absolvieren die Schüler ein Betriebspraktikum, um einen Einblick in das zukünftige Arbeitsleben zu bekommen und eigene Berufsvorstellungen zu entwickeln. Realschüler, die das Abitur ablegen möchten, haben bei entsprechenden Schulleistungen die Möglichkeit, an das benachbarte Fichtenberg-Gymnasium zu wechseln. Diese Schüler werden dann von uns ambulant weiter betreut. Realschüler können als Wahlpflichtfach u. a. das Fach »Französisch« wählen.

 

Besondere Förderangebote
1.Instrumentalunterricht für jeden Schüler, der Freude am Musizieren hat und / oder talentiert ist.
2.Chor für die Schüler der Sekundarstufe I, die Freude am mehrstimmigen Singen haben und an Instrumentalbe¬gleitung interessiert sind.
3.Blindenfußball-AG für Schüler, die gerne Fußball auch mit Erwachsenen spielen wollen.



Wolfgang Drave, Hartmut Mehls (Herausgeber)
200 Jahre Blindenbildung in Deutschland (1806 - 2006)

2006, 288 S., Hardcover, 29,50 €, ISBN 3-934471-57-9
inklusive Hörtext-CD (Daisy-Format "Digital Accessible Information System"), sowie DVD - Dokumentarfilm von Wolfgang Drave und Klaus Schäfer "Welche Farbe hat das Nichts? Blinde Menschen erzählen" 63 min.
Mit Beiträgen von Uwe Benke, Friederike Beyer, Peter Brass, Sven Degenhardt, Herbert Demmel, Wolf-gang Drave, Friedrich Dreves, Sieglind Ellger-Rüttgardt, Brigitte Gehre, Thomas Graß-mann, Dieter Hudelmayer, Gerlinde Kühne, Hartmut Mehls, Andreas Möckel, Dorothea Pfitzmann, Hanne Pittroff, Waldtraut Rath, Ekkehard Roth, Heinrich Scholler, Thomas Viereck, Renate Walthes, Helga G. Weinläder, Klaus Wißmann und Rolf Zacharias.

Der vorliegende Sammelband enthält Aufsätze namhafter Fachpersonen auf dem Gebiet der Blindenbildung, die zum Teil über viele Jahre als Pädagoginnen bzw. Pädagogen tätig waren. Die Autorinnen und Autoren beschäftigen sich mit den speziellen Bereichen der Blinden- und Sehbehindertenbildung und der Blindenselbsthilfe in der Vergangenheit und Gegenwart und mit daraus resultierenden Zukunftsfragen. Ergänzt werden die Aufsätze durch zehn Biografien blinder Persönlichkeiten sowie durch eine Zeittafel der 200-jährigen Geschichte des Blinden- und Sehbehindertenwesens parallel zu den Zeitdaten der allgemeinen deutschen Politik- und Kulturgeschichte.
Wolfgang Drave, Dr. phil., stv. Schulleiter an der Blindeninstitutsstiftung in Würzburg, insbesondere verantwortlich für die Mobilen Dienste (Integration). Zahlreiche Veröffentlichungen in Blinden- und Sehbehindertenpädagogik, Verlagsleiter der Edition Bentheim, Geschäftsführer der Johann Wilhelm Klein-Akademie Würzburg. Hartmut Mehls, Dr., Geschichtsstudium, 30 Jahre Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR, heute Vorsitzender des Fördervereins des Deutschen Blinden-Museums.




Thomas Kohlstedt (Autor)
“Nichts hat sich geändert”


Eine Befragung von Lehrern und Lehrerinnen an einer ostdeutschen und einer westdeutschen Schule für Blinde in “Behindertenpädagogik im vereinten Deutschland - Über die Schwierigkeiten eines Zwiegespräches zwischen Ost und West - Hrg. Ulrich Bleidick und Sieglind Ellgert-Rüttgardt - Deutscher-Studien-Verlag - Weinheim - 1994

I. Einleitung
Im März/April 1992 absolvierte ich als Lehrer im Sonderpädagogik-Aufbaustudium ein Praktikum an der Brandenburger Schule für Blinde und Sehbehinderte mit gymnasialer Oberstufe in Königs Wusterhausen. Ich hatte Gelegenheit, bei 12 Kollegen in den verschiedensten Unterrichtsfächern in nahezu allen Klassenstufen zu hospitieren. Durch die zahlreichen sehr freundlichen und offenen Gespräche nach dem Unterricht und in den Pausen im Lehrerzimmer und mit der Schulleitung bekam ich einen vielschichtigen Einblick in die Situation einer ostdeutschen Sonderschule. Im Rahmen der Gespräche stellte ich meinen Ost-Kollegen immer die gleichlautende Frage: „Was hat sich bei Ihnen in der Schule seit den letzten zwei Jahren verändert?“ Ich bekam stets die Antwort:“Nichts.“ Im weiteren Gesprächsverlauf wurde dies relativiert; u. a. wurde mir immer wieder vermittelt, daß der „Ost-Lehrer“ – vor der Wende wie nach der Wende – ein guter Lehrer sei. Immer wieder bekam ich von Ost-Kollegen zu hören:“Glaubt ihr denn, wir haben zu DDR-Zeiten unsere Kinder nicht gut erzogen und zu gebildeten Menschen gemacht?!“ Mein eigener subjektiver Eindruck war, daß zwischen Lehrern und Schülern eine gewisse Harmonie zu verspüren und der Umgangston zwischen den Schülern – auch ohne Anwesenheit des Lehrers – auffällig freundlich war. Die Schüler gehorchten den Lehrern mit gebührendem Respekt. Widersprochen wurde im Unterricht in höflicher und zurückhaltender Frageform. Der Lehrer war stets bemüht, in sehr korrekter und höflicher Form die Frage möglichst widerspruchsfrei zu beantworten, um dann zügig seinen stark durchstrukturierten Unterricht weiterführen zu können. Die Lehrersprache ist für einen West-Kollegen auffällig korrekt und gut artikuliert, fast druckreif und häufig um Wissenschaftlichkeit bemüht. Der Unterricht war stets begleitet mit häufigen Leistungskontrollen, in der Grundschule oft verbunden mit der Fragestellung.“Wer war heute der Beste, und wer war heute nicht so gut?“ Die Schüler mit den schlechteren Leistungen fühlten sich dadurch – allem Anschein nach – nicht gegängelt. Sie schie nen diese häufige Bewertung gewohnt zu sein. Auch die vom Lehrer häufig verwendete Formulierung nach einer schlechten Schülerleistung „Da bin ich aber traurig“ hinterließ bei den Schülern keine erkennbaren Reaktionen. Bei einem weiteren Praktikum in der Ostberliner Sehbehindertenschule wurden diese Erfahrungen bestätigt. Der Unterrichtsinhalt war häufig praxisorientiert und wurde sehr sachlich, fast wissenschaftlich vorgetragen, um dann später in kurzer, zusammengefaßter Form vom Lehrer zum Mitschreiben diktiert zu werden. Dieses gut abfragbare Wissen wurde in der nächsten Stunde durch den Lehrer durch Aufrufen einzelner Schüler, die – im Stehen – in der Grundschule vorwiegend zum Teil wortgetreu antworteten, kontrolliert. Diskussionen schienen nicht vorgesehen zu sein. Die Schüler wurden fast ausschließlich frontal unterrichtet. Viele Lehrkräfte achteten auch auf die Körperhaltung der Schüler. So wurde zur Begrüßung des Lehrers still und gerade am Stuhl gestanden. Der Unterricht wurde z. T. mehrmals unterbrochen, um die Schüler zu einer geraden Körperhaltung zu ermahnen. Es erweckte den Eindruck, daß auch der Lehrer auf seine eigene Körperhaltung achtet. Bei dem anschließenden Praktikum in der westdeutschen Blindenschule in Berlin-Steglitz wurde insgesamt ein deutlicher Unterschied zum Ost-Unterricht erkennbar. Der West-Unterricht war in der Regel weniger fest strukturiert und damit offener für ungeplante Diskussionen. Die Lehrersprache war lockerer und wirkte nicht so kontrolliert. Der Umgangston zwischen Schülern war rauher, lauter, emotionaler und weniger freundlich. Dieser Umgangston war im wesentlichen auch zwischen Schüler und Lehrer wiederzufinden. Streitgespräche und Diskussionen wurden konsequenter und heftiger auf beiden Seiten geführt, wobei es ohne weiteres zu unhöflichen Reaktionen kommen konnte. Häufige Leistungskontrollen mit oder ohne Namensnennungen waren sehr selten zu bemerken. Zunehmend mehr waren offener Unterricht, Gruppenarbeit und Partnerarbeit zu beobachten und kaum noch der klassische Frontalunterricht. Diese sehr subjektiven Eindrücke sollten durch Fragebögen und Interviews überprüft und erweitert werden, um neben der bloßen Beschreibung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten einen möglichen Weg zu entdecken, der die oft formulierte und z. T. spürbare Unzufriedenheit abzubauen versucht. Mit diesem Ziel sind die nachfolgenden Fragebögen entwickelt worden.

II. Entstehung des Fragebogens
Ziel des Fragebogens ist es, durch die „Wiedervereinigung“ entstandenen Veränderungen in der (Blinden)Pädagogik herauszuarbeiten, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ost wie in West festzustellen, um dann möglicherweise Wege zu entdecken, die den schwierigen Prozeß des Zusammenwachsens erleichtern könnten. Die Blindenschule in Königs Wusterhausen und die Blindenschule in West-Berlin haben sich für diese Untersuchung angeboten, da die Schulen nur ca. 40 km voneinander entfernt liegen und somit für die Kolleginnen und Kollegen mit einem verhältnismäßig geringen Zeitaufwand eine gegenseitige Kontaktaufnahme möglich ist. In den zahlreichen Vorgesprächen kristallisierten sich folgende Themenschwerpunkte für den Ost-Fragebogen heraus: „Medien“, „Schulbucheinsatz“, „Arbeitsatmosphäre“, „Unterrichtsvorbereitungen“, „Umgang mit Schülern“, „Schulbehörde/Schulgesetze“, und „neue pädagogische Leitidee“. Die Kollegen sprachen immer wieder auch politische und emotionale Themen an, die z. T. wortgetreu in den Fragebogen aufgenommen wurden. Die „Vorstellung der Ost-Kollegen am 9. November 1989“ wurde ebenso abgefragt, wie die „Häufigkeit der West-Kontakte“ und das heutige „Kontaktinteresse an den West-Kollegen“. Die Vorgespräche ergaben weiterhin, daß die Ost-Kollegen anonym und schriftlich befragt werden wollten, weil sie der Befragung per Interview kein Vertrauen schenken würden. Bei der Vorbereitung, Genehmigung und Durchführung der Umfrage waren die Schulbehörden und insbesondere die Schulleitungen ausgesprochen hilfsbereit und kooperativ. Der West-Fragebogen beschränkt sich auf diejenigen Fragen, die sich bei den zahlreichen Vorgesprächen mit den West-Kollegen herauskristallisierten. Es stellte sich heraus, daß durch die sog. Wiedervereinigung keine Veränderungen in der West-Berliner Schule in den Themenbereichen „Medien“, „Schulbucheinsatz“, „Arbeitsatmosphäre“, „Unterrichtsvorbereitung“, „Umgang mit Schülern“ und „Schulbehörde/Schulgesetze“ zu beobachten waren. Somit konzentrierte sich der West-Fragebogen auf die Themenkomplexe „Vorstellungen der West-Kollegen am 9. Nov. 1989“, auf die „Kontaktaufnahme“, auf die „neuen Unterrichtsimpulse“ und auf das „Kontaktinteresse zu Ost-Kollegen“. Um einen Ost-West-Vergleich herstellen zu können, sind alle West-Fragen auch im Ost-Fragebogen inhaltlich – oft wortgetreu – wiederzufinden.

III. Durchführung der Untersuchung
Die Fragebögen wurden am 14.12.1992 an 40 Ost-Kollegen und 60 West- Kollegen verteilt. Innerhalb einer Woche konnten die Fragebögen über einen Briefkasten im Lehrerzimmer anonym zurückgegeben werden. Es kamen 23 Ost-Fragebögen und 34 West-Fragebögen zurück, was einer Beteiligung in Ost wie in West von 57% entspricht. Ost-Kollegen kommentieren ihre Nichtbeteiligung an dieser Umfrage damit, daß sie Umfragen allgemein mißtrauen, weil man nie wisse, wie die Antworten hinterher ausgelegt werden. Kollegen machten dies beispielhaft an der Frage 4 „Ich bereite mich heute intensiver/länger auf den Unterricht vor als vor der Wende“ deutlich. Bejahen sie dies, würde man dies als „typisch fauler Ossi“ auslegen, „der erst durch den Westen gelernt hat, was arbeiten heißt“; verneinen sie eine längere Vorbereitungszeit, würde man das als „unbelehrbarer DDR-Lehrer, der immer noch dasselbe unterrichtet“ auslegen. Ein Ost-Kollege faßte die Kritik an dem Fragebogen zusammen mit dem Satz: „Wir haben gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen!“ Mehrmals kommt die Rückfrage von Ost-Kollegen, ob die Beantwortung der Fragen wirklich freiwillig ist. Im Westen stieß der Fragebogen auf verhältnismäßig wenig Interesse. Eine West-Kollegin kommentierte den Fragebogen mit der Feststellung: „Wir haben andere Probleme.“ Dennoch ist der Rücklauf mit 57 % für eine Fragebogenaktion relativ hoch und damit statistisch gut verwertbar.

IV. Auswertungsverfahren Die Rohwerte wurden ermittelt und prozentual umgerechnet. Um eine deutlichere Aussage treffen zu können, wurden die Werte 1 (= trifft genau zu) und 2 (= trifft überwiegend zu) zusammengefaßt und als „Ja“-Antwort gewertet, wohingegen die Werte 4 (= trifft überwiegend nicht zu) und 5 (= trifft überhaupt nicht zu) als „Nein“-Antwort definiert wurden. War ein Wert auffällig häufig angekreuzt, so wird dies extra erwähnt. Hinter jeder Prozentangabe werden in Klammern die entsprechenden absoluten Werte (n) angegeben. Bei der Annahme, daß ein statistisch signifikanter Zusammenhang bestehen könnte, wurde bei einer symmetrischen Verteilung der Rohwerte der Korrelationskoeffizient (r) ermittelt. Bei einer einseitigen Häufung von Werten wurde über Chi-2 und Tau B die Wahrscheinlichkeit (p) errechnet. Ist die Wahrscheinlichkeit (p) kleiner als 0,05, so gilt das Ergebnis als gesichert. Nur diese statistisch signifikanten Zusammenhänge (Korrelationen) werden angeführt.* Die Umfrageergebnisse wurden West- wie Ost-Kollegen zur Kommentierung vorgelegt (kommunikative Validierung), die unter dem jeweiligen Kapitel „Kommentare“ aufgeführt werden.
V. Umfrageergebnis Ost An der Ost-Umfrage haben sich hauptsächlich die Frauen (83 %) beteiligt. Die Männer beteiligten sich nur zu 17 %. Drei Viertel des Kollegiums besteht aus Frauen. 87 % (16) der Kolleginnen und Kollegen waren 10 Jahre und mehr im Schuldienst, 9 % (2) vier bis neun Jahre, und nur ein Kollege war erst nach der Wende in den Schuldienst gekommen. Es haben sich hauptsächlich die „Diplomlehrer für Sehgeschädigte“ mit 70 % (16) an der Umfrage beteiligt. „Diplomlehrer“ waren mit 26 % (6) vertreten und der „Lehrer unterer Klassen“ nur mit einem einzigen Kollegen. Das folgende Ost-Umfrageergebnis ist in 7 Themenschwerpunkte unterteilt. Zum besseren Verständnis sind zu jedem Kapitel wichtige allgemeine Informationen unter der Überschrift „Vorbemerkungen“ zusammengetragen. Das Umfrageergebnis selber wird unkommentiert wiedergegeben, ebenso die statistisch signifi- kanten Zusammenhänge zu den entsprechenden Fragen. Die „Kommentare“ sind am Ende eines jeden Themenschwerpunktes zu finden.

1. Medieneinsatz
1.1 Vorbemerkung
Vor der Wende wurden die Genehmigungen und Anschaffungen von Medien weitgehend zentral vom Ministerium durchgeführt. Viele Medien galten als veraltet und waren mengenmäßig zu wenig. Seit der Wende sind in fast allen Bereichen neue Medien angeschafft oder gespendet worden (mehrere Farb- TV-Anlagen, Video, Taschenrechner mit Sprachangabe, Braillerechner etc.). Über die Anschaffung von Medien entscheidet heute in der Regel der jeweilige – demokratisch gewählte – Fachausschuß. Über die Dringlichkeit bzw. Reihenfolge der Anschaffung entscheidet – nach Beratung im Wirtschaftsausschuß – die Gesamtkonferenz. Mit zu den größten neuen Anschaffungen im Medienbereich gehört eine Computeranlage, die sowohl von Blinden (mit Braillezelle) als auch von Sehbehinderten (mit Großschrift) genutzt werden kann. Die Frage nach den „neuen Medien“ wurde als Einstiegsfrage ausgewählt, weil sich in den Vorgesprächen herausstellte, daß die Kollegen über dieses Thema gerne reden.
1.2 Umfrageergebnis
65 % der Kolleginnen und Kollegen geben an, daß ihnen heute bessere Medien zur Verfügung stehen als vor der Wende. 36 % sagen, daß es nur teilweise zutrifft.
1.3 Kommentar Über ein Drittel der Kolleginnen und Kollegen sehen die neuen West-Medien (um diese handelt es sich in der Regel) nicht immer als „bessere“ Medien an. Einige Kollegen wollen damit eine kritische Stellung zu den Medien „Fernsehen“, „Video“ und „Computer“ zum Ausdruck bringen. Andere wollen den Wert der alten DDR-Medien, die oft mit viel Arbeit und Liebe hergestellt wurden, nicht geschmälert sehen. Wieder andere sagen, daß die neuen West-Medien die alten Ost-Medien nicht voll ersetzen können – sowohl vom Inhalt als auch vom Leistungsniveau her gesehen.

2. Schulbucheinsatz
2.1 Vorbemerkung
Alle im Unterricht eingesetzten Schulbücher müssen von der neuen Schulbehörde genehmigt sein. Interne fachbezogene Gremien an der Blindenschule, die aus Fachlehrern zusammengesetzt werden, haben Vorschläge für neue Schulbücher der Schulbehörde vorgelegt, die sämtlich genehmigt wurden. Heute sind weit überwiegend West-Schulbücher im Einsatz.
2.2 Umfrageergebnis 42 % der Lehrerinnen und Lehrer setzen in ihrem Unterricht neue West- Schulbücher ein, weil sie inhaltlich von deren Qualität überzeugt sind. In der Gesamtstichprobe gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem „Einsatz von West-Schulbüchern“ und der „Dauer und Intensität der Unterrichtsvorbereitung“. 56 % der Kollegen, die aus inhaltlicher Überzeugung die neuen West-Schulbücher einsetzen, geben an, daß die Dauer bzw. Intensität der Unterrichtsvorbereitungen nicht zugenommen haben. 44 % sagen, daß die Vorbereitungszeit zum Teil zugenommen habe. 52 % setzen West-Schulbücher in ihrem Unterricht ein und sind nur zum Teil inhaltlich davon überzeugt. Diese Kollegen geben gleichzeitig an, daß sie zu 55 % eine längere/intensivere Unterrichtsvorbereitungszeit benötigen als vor der Wende, wohingegen 44 % der Kollegen diese intensivere Vorbereitungszeit deutlich mit dem Wert 5 (= trifft überhaupt nicht zu) verneinen. In der Gesamtstichprobe gibt es einen weiteren hochsignifikanten Zusammenhang zischen dem o. g. „Einsatz von West-Schulbüchern“ und dem „pädagogischen Spielraum“. Kolleginnen und Kollegen, die aus inhaltlicher Überzeugung West-Schulbücher in ihrem Unterricht einsetzten, geben zu 100 % an, daß sie einen größeren pädagogischen Spielraum haben als vor der Wende. Kollegen, die nur zum Teil inhaltlich von den West-Schulbüchern überzeugt sind, geben zu 90 % an, daß sie einen größeren pädagogischen Spielraum haben als vor der Wende. Ein weiterer signifikanter Zusammenhang besteht zwischen dem „Einsatz von West-Schulbüchern“ und der „Zufriedenheit mit den neuen Schulgesetzen und Schulgremien“. 75 % der Kolleginnen und Kollegen, die West- Schulbücher aus Überzeugung einsetzen, sind mit den neuen Schulgesetzen und Schulgremien zufriedener als vor der Wende. Der Zusammenhang zwischen dem „Einsatz von West-Schulbüchern“ und der „Überzeugung von West-Lehrinhalten“ ist statistisch signifikant. Kollegen, die nur teilweise von den West-Schulbüchern überzeugt sind, sind zu 90 % auch nur zum Teil von den „West-Lehrinhalten“ überzeugt. Aber nur die Hälfte der Kollegen, die aus Überzeugung West-Schulbücher einsetzen, gibt an, auch von den „West-Lehrinhalten“ überzeugt zu sein. 38 % der Kolleginnen und Kollegen setzen die neuen West-Schulbücher in ihrem Unterricht ein, weil es erwünscht bzw. vorgeschrieben ist. Hierzu besteht in der Gesamtstichprobe ein statistisch signifikanter Zusammenhang zu der Frage 5: „Ich bin von den neuen West-Lehrinhalten überzeugt.“ Keiner der o. g. Kollegen hat diese Frage mit „ja“ beantwortet (67 % mit „nein“ und 33 % mit „teils“).
2.3 Kommentar
Über die Hälfte des Kollegiums setzt die neuen West-Schulbücher im Unterricht ein, obwohl sie nur zum Teil von ihnen inhaltlich überzeugt sind. Die Kollegen kommentieren dies u. a. mit der Feststellung, daß die alten DDRBücher ein einheitliches Fachvokabular besaßen, eine feste Struktur hatten, an den vorgegebenen engen Lehrplänen orientiert waren und ein hohes Lernleistungsniveau hatten, verbunden mit leicht abfragbarem Wissen. Die West- Schulbücher haben zwar schöne Photos auf Hochglanzpapier, aber jeder Verlag habe seine eigene Struktur und uneinheitliche Fachbegriffe, jedes Bundesland einen eigenen Rahmenplan, und das Leistungsniveau sei im allgemeinen niedriger, was die meisten Kollegen bedauern: „Unsere Kinder konnten schneller und besser schreiben, als Eure – das hat sogar eine West- Studie bestätigt.“ Ein West-Kollege erwidert, daß dies nur für die in der DDR eintrainierten Worte gilt, bei fremden neuen Wörtern würden die Westler besser abschneiden. Das an dieser Stelle erwartete Zwiegespräch findet – wie so oft – nicht statt. Stattdessen wird auf das neue Mathematikbuch ausgewichen und festgestellt, daß das alte DDR-Mathebuch doch zu leistungsorientiert war, aber das neue West-Buch ein zu niedriges Niveau hat. Dennoch wird dieses Buch angeschafft, weil dazu eine Punktschriftausgabe existiert. Beim Einsatz neuer Schulbücher muß in der Regel von einer längeren bzw. intensiveren Unterrichtsvorbereitung ausgegangen werden. Daß das hier nicht so ist, erklären die Ost-Kollegen damit, daß zu DDR-Zeiten häufi- ge Unterrichtskontrollen – verbunden mit schriftlichen Unterrichtsentwürfen – stattgefunden hatten. Heute entfallen diese schriftlichen, zeitaufwendigen Aufzeichnungen, sodaß bei den meisten Kollegen eher eine kürzere Unterrichtsvorbereitungszeit nach der Wende entstanden ist (s. Kapitel 3.).

3. Unterrichtsvorbereitung
3.1 Vorbemerkung
Ziel der Befragung ist es festzustellen, wo und wann in welchem Umfang Veränderungen in der Vorbereitung des Unterrichts im Verhältnis zur Situation vor der Wende stattgefunden haben. Die Intensität der Unterrichtsvorbereitung wird nach eigenen Beobachtungen wesentlich durch die Motivation des Lehrers bestimmt. Die Motivation wiederum ist vom „pädagogischen Spielraum“ beeinflußt. Gibt es an einer Schule so etwas wie eine (neue) „pädagogische Leitidee“, so spiegelt diese sich sowohl im Unterrichtsinhalt als auch in der Unterrichtsdurchführung wider. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang pädagogische Hilfsmittel (z. B. Schulbücher), die dem Lehrer zur Unterrichtsvorbereitung zur Verfügung stehen. Alle Faktoren zusammen beeinflussen die Dauer und Intensität der Unterrichtsvorbereitung.
3.2 Umfrageergebnis „Ich habe heute einen größeren pädagogischen Spielraum als vor der Wende“ bejahen 87 % der Lehrerinnen und Lehrer. 4 % verneinen die Frage und 9 % geben „teils/teils“ an. Eine „neue pädagogische Leitidee“ an der Schule wird von 33 % der Kollegen gesehen, wobei 19 % keine und 48 % zum Teil eine neue Leitidee an ihrer Schule erkennen. 80% der Kolleginnen geben an, daß sie ihren „Unterricht weiterhin mit alten DDR-Schulbüchern vorbereiten, weil nicht alles schlecht ist, was aus der DDR kam.“ Dieses Ergebnis wird noch dadurch unterstrichen, daß 60 % den ansonsten selten benutzten Wert 1 (= trifft genau zu) ankreuzten. Alle (100 %) der Kolleginnen und Kollegen stellen eindeutig klar, daß sie „nicht aus Gewohnheit DDR-Schulbücher für ihre Unterrichtsvorbereitung nutzen“. Mit 78 % wird die Frage deutlich verneint, ob alte DDR-Schulbücher für die Unterrichtsvorbereitung hinzugezogen werden, „weil die entsprechende West-Literatur von der Schulbehörde nicht zur Verfügung gestellt wird“. Ebenso verneint (72 %) wird der Satz: „Ich bereite meinen Unterricht weiterhin mit alten DDR-Schulbüchern vor, weil ich mir die Anschaffung der West-Literatur nicht leisten kann.“ „Ich bin von den West- Lehrinhalten überzeugt“ bejahen nur 17 %. 57 % sind zum Teil überzeugt, und 26 % sind von den West-Lehrinhalten gar nicht überzeugt. „Ich bereite mich intensiver/länger auf meinen Unterricht vor als vor der Wende“ bejahen 30 %. 44 % verneinen dies, und 26 % geben „teils/teils“ an.
3.3 Kommentar Das auffälligste Umfrageergebnis ist, daß 80 % der Lehrerinnen und Lehrer angeben, daß sie ihren Unterricht weiterhin mit alten DDR-Schulbüchern vorbereiten, weil nicht alles schlecht ist, was aus der DDR kam. Immer wieder wurde dieses Ergebnis kommentiert mit der Bemerkung: „Glaubt ihr im Westen denn, daß wir Lehrer nur Mist mit unseren Schülern gemacht haben?!“ Mit dieser Äußerung wird nicht nur indirekt die mangelnde Anerkennung des Ost-Lehrerstandes durch den Westen angesprochen, sondern es werden auch die mangelhaften Kenntnisse der West-Kollegen über die reale Situation im Osten kritisiert. Besonders erwähnenswert ist, daß von denjenigen Kollegen, die weiterhin DDR-Schulbücher und die „Handreichungen für Lehrer“ für ihre Unterrichtsvorbereitung nutzen, ein Drittel gar nicht und zwei Drittel nur zum Teil von den neuen West-Lehrinhalten überzeugt sind und kein einziger angibt, von den West-Lehrinhalten angetan zu sein. Dies spiegelt u. a. die deutliche Distanz wider, die die Kollegen gegenüber dem Westen einnehmen. Die Reaktion ist verständlich, denn wer in einem anderen Staatssystem aufgewachsen ist und dort ausgebildet und somit auch geprägt wurde und dann dort selber im Schnitt mehr als 10 Jahre unterrichtet hat, kann nicht in kürzester Zeit von neuen (West)Lehrinhalten überzeugt sein. Mit Einschränkungen zeigt das Ergebnis, daß die Ost-Kollegen keine sogenannten „Wendehälse“ sind. Die Interpretationen der Ergebnisse lassen eher den Schluß zu, daß die Kollegen auf der vorsichtigen Suche nach einem Weg sind, der das „Gute aus dem Osten“ mit dem „Guten aus dem Westen“ verbinden soll. Einige Kollegen aus Ost und West widersprechen dieser Interpretation. Sie halten entgegen, daß ein nicht unerheblicher Teil unkritisch an alten DDR-Werten festhalte, was sich u. a. darin widerspiegelt, daß fast die Hälfte der Kollegen das Schätzen alter DDR-Werte vermißt. Auf die „DDR-Werte“ angesprochen, wurden u. a. immer wieder der „sichere Arbeitsplatz“, „kaum Jugendkriminalität“, „keine Angst“, „keine Drogenproblematik“, „keine Gewalt“, „Solidarität“ genannt. Die Ost-Kollegen verstanden häufig unter den „neuen West-Lehrinhalten“ mehr die Schulbuchinhalte als die Rahmenplaninhalte. Bei den West-Kollegen war es eher umgekehrt. Die meisten West-Lehrer waren mit dem Spielraum, den ihnen der Rahmenplan zur Verfügung stellt, weitgehendst zufrieden. Leider ist die Frage nach der Überzeugung von den West-Lehrinhalten den West-Kollegen nicht gestellt worden, sodaß ein Ost-West-Vergleich hier nicht hergestellt werden kann. Hoffnungsvoll klingt das Ergebnis, daß 87 % der Kollegen einen neuen pädagogischen Spielraum an ihrer Schule verspüren. Hoffnungsvoll deswegen, weil genau dieser pädagogische Spielraum das Fundament einer Entwicklung an einer Schule ist. Das Ergebnis zeigt somit auch, daß sowohl die Schulleitung als auch die Schulbehörde diesen Spielraum zur Verfügung stellen.

4. Arbeitsatmosphäre
4.1 Vorbemerkung
Die Arbeitsatmosphäre beeinflußt die Leistungsfähigkeit, die Motivation, die persönliche Stimmungslage und den Umgangston in der Schule. Arbeitsatmosphäre wiederum wird nicht nur schulintern beeinflußt durch Schulleitung, Schulbehörde und die allgemeinen Arbeitsbedingungen, sondern auch durch schulexterne Einflüsse wie allgemeine soziale Situation, politische Auseinandersetzungen, (drohende) Arbeitslosigkeit usw. Somit ist die Ar163 beitsatmosphäre von vielen Faktoren beeinflußt und damit nicht annähernd objektivierbar. Dennoch bleibt das pädagogische Klima der Schule ein unverzichtbares (subjektives) Maß zur Beurteilung einer Gesamtsituation. 4.2 Umfrageergebnis
41 % befinden die Arbeitsatmosphäre an ihrer Schule heute freier als vor der Wende. 37 % der Kolleginnen und Kollegen beurteilen die Atmosphäre heute nicht freier/lockerer als vor der Wende. 22 % sagen „teils/teils“. In der Gesamtstichprobe gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der „Arbeitsatmosphäre“ und dem Erkennen einer „neuen pädagogischen Leitidee“. In demselben Maße, wie die neue pädagogische Leitidee erkannt wird, steigt auch das Empfinden einer freieren Arbeitsatmosphäre an der Schule. Und umgekehrt: Diejenigen, die keine neue pädagogische Leitidee erkennen, erkennen auch keine freiere Arbeitsatmosphäre. Kollegen, die ihren Unterricht weiterhin mit alten DDR-Schulbüchern vorbereiten, weil ihnen diese inhaltlich näher sind als die West-Bücher, verneinen deutlich mit dem Wert 5 (= trifft überhaupt nicht zu) eine freiere Arbeitsatmosphäre. Kollegen, die ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl zu den eigenen Ost-Kollegen wegen der Diskriminierung des Lehrerstandes durch den Westen erleben, sagen gleichzeitig, daß die Arbeitsatmosphäre heute nicht freier ist als vor der Wende.
4.3 Kommentar
Interpretiert man die „Arbeitsatmosphäre“ als einen Gradmesser für die Schulsituation insgesamt, so kristallisieren sich zwei nahezu gleich große Gruppen heraus: Die eine Kollegengruppe erlebt die Arbeitsatmosphäre als lockerer und freier und verspürt gleichzeitig eine neue pädagogische Leitidee, sie ist mit den neuen Schulgesetzen weitgehend zufrieden. Die andere Lehrergruppe erlebt heute keine lockere und freiere Arbeitsatmosphäre als vor der Wende und scheint mit der Gesamtsituation nach der Wende unzufriedener zu sein. Ein Ost-Kollege kommentiert dies mit dem Satz: „Den ewig Gestrigen ist nicht mehr zu helfen.“ Ein anderer schreibt: „Vermutlich setzen sich diese Kollegen nicht genügend mit den neuen pädagogischen Leitideen auseinander, d. h. sie haben wenig Kenntnisse über das Neue!“

5. Umgang mit Schülern
5.1 Vorbemerkung
Der Lehrer war vor der Wende im Osten Deutschlands eine Autoritätsperson. Die Schüler hatten dieses zu akzeptieren. Disziplinprobleme wie im Westen waren unbekannt. Ein Ost-Kollege sagte: „Unsere Schüler sind ordentlich, diszipliniert, gut erzogen, gebildet und hilfsbereit.“ Bis heute ist festzustellen, daß die Schüler den Lehrern mit gebührendem Respekt begegnen. Die Arbeitsatmosphäre in den Klassen wirkt locker, unbelastet und in gewisser Weise harmonisch. Diskussionen und Streitgespräche mit Lehrern und Schülern sind so gut wie nicht zu beobachten. Der Umgangston zwischen den Schülern ist – im Verhältnis zum Westen – ausgesprochen freundlich.
5.2 Umfrageergebnis
70 % der Lehrerinnen und Lehrer sagen, daß es keine kontroversen und schwierigeren Diskussionen seit der Wende mit den Schülern gegeben hat. 22 % sagen, daß es heute zum Teil kontroversere Diskussionen gebe. 8 % stimmen eingeschränkt mit der Werteskala 2 zu, daß es seit der Wende schwierigere Diskussionen mit den Schülern gebe. Es gibt einen tendenziell signifikanten Zusammenhang zwischen Frage 8 („schwierigere Schülerdiskussionen“) und der Frage 12 („Ich vermisse das Schätzen alter DDR-Werte“). Diejenigen Kollegen, die die alten DDR-Werte deutlich vermissen, geben überwiegend an, daß sie heute keine schwierigeren Diskussionen mit ihren Schülern haben als vor der Wende.
5.3 Kommentar
Die Lehrer sagen, daß es seit der Wende keine kontroverseren Diskussionen mit ihren Schülern gibt. Die Interpretation dieses Umfrageergebnisses fällt schwer. Der unbefangene (West-) Beobachter würde erst einmal annehmen, daß nach einer politischen Wende heftige, kontroverse und schwierige Diskussionen mit Lehrern, Schülern, Eltern und Schulleitung über die Rolle der Schule und Lehrer vor und nach der Wende, über die Partei und Stasi, über Umweltschäden und Umweltschutz, über Kernkraftwerke und Atombomben, über den Sozialismus und Kapitalismus, über Fremdenhaß und (rechte) Gewalt, über Prag und Peking, über Sportunterricht und die Volksarmee, über Leistungssport und Doping, über Schulleistungskontrollen und Schulabschlüsse, über das Recht auf einen Arbeitsplatz und Arbeitslosigkeit be165 ginnen müßten. Aber die Umfrage überrascht mit der eindeutigen Aussage, daß es nach der Wende keine schwierigeren Diskussionen mit den Schülern gab. Nach eigenen Beobachtungen während der Unterrichtshospitationen in der ehemaligen DDR ist der Unterricht stark an der deutlich erkennbaren vorgeplanten Inhaltsvermittlung orientiert, die in der Regel keine offene und kontroverse Diskussion mit einplant. So werden die wenigen kritischen Zwischenfragen sehr höflich und zurückhaltend von den Schülern vorgetragen, die dann vom Lehrer allein – ohne Diskussion – in wissenschaftlich (scheinbar) neutraler Form höflich, aber bestimmt beantwortet werden. So sind in der gymnasialen Oberstufe Themen angesprochen worden wie Gentechnologie, Umweltschäden, radioaktiv verseuchte Lebensmittel, USA-Kapitalismus und Armut, neue Verdienstmöglichkeiten im Westen (der Angestellte bekommt ein „Gehalt“, der Arbeiter einen „Lohn“, der Makler eine „Provision“, der Hausbesitzer die „Mieteinnahmen“). Bei keinem der o. g. Themen schien eine (offene) Diskussion durch den Lehrer eingeplant gewesen zu sein, und so fand auch keine einzige Diskussion statt. Mit Hilfe dieser Interpretation ist dann auch das Umfrageergebnis zu verstehen, daß Lehrer, die das Schätzen alter DDR-Werte vermissen, heute keine schwierigeren Diskussionen haben als vor der Wende – es finden heute wie damals keine offenen Diskussionen statt. Insofern hat sich bei den Lehrern nichts verändert. Diese Interpretation wird von einigen Ost-Kollegen heftig kritisiert. Sie sagen, daß die Diskussionen mit den Schülern vor der Wende viel schwieriger waren, weil sie viele sozialistische Ideen rechtfertigen mußten, „was heute kein Diskussionsthema mehr ist“. Andere Kollegen geben zu bedenken, daß besonders die Oberschüler durch den ehemaligen DDR-Unterricht geprägt und deswegen mit einer offenen Diskussion genauso weinig vertraut sind wie ihre Lehrer. Diese gewisse Harmonie in dieser Schüler-Lehrer Generation sollte auch nicht durch zu hohe Anforderungen von außen gestört werden.

6. Schulbehörde/Schulgesetze
6.1 Vorbemerkung
Nach der Wende sind viele Veränderungen an der (Blinden-) Schule durch die neue Schulbehörde und durch Schulgesetze bzw. Organisationserlasse unter Mitwirkung der Schule bzw. der Schulleitung initiiert worden. So sind z. B. die Prüfungsbedingungen geändert worden. Es gibt z. Zt. Klassen, die nach altem Recht, nach einer Übergangsregelung und nach neuem Recht geprüft werden. Die Schüler werden seit geraumer Zeit nach einer neuen Stun166 dentafel unterrichtet. Die sog. Dehnungsklassen (1.–3. Klasse) werden neu geregelt bzw. neu eingerichtet, ebenso Früherziehung und Vorschulklassen. Nach den neuen Schulgesetzen werden die Schulgremien neu organisiert.
6.2 Umfrageergebnis
35 % sind mit der neuen Schulbehörde zufrieden. 13 % sind mit der neuen Schulaufsicht nicht zufrieden. 52 % sind teilweise mit der Struktur der neuen Schulbehörde zufrieden. Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen der o. g. „Zufriedenheit mit der Schulbehörde“ und dem „Kontakt zu West-Kollegen“. Je zufriedener die Kollegen mit der Schulbehörde sind, desto häufiger hatten sie Kontakt zu den West-Kollegen. Ein weiterer signifikanter Zusammenhang besteht zwischen der „Zufriedenheit mit der Schulbehörde“ und der „Zufriedenheit mit den Schulgesetzen“. Im selben Umfang, wie die Zufriedenheit mit der neuen Schulbehörde wächst, steigt auch die Zufriedenheit mit den neuen Schulgremien und Schulgesetzen. Ein tendenziell signifikanter Zusammenhang besteht zwischen der „Zufriedenheit mit der Schulbehörde“ und dem Erkennen einer „neuen pädagogischen Leitidee“. Je höher die Zufriedenheit mit der neuen Schulbehörde, desto deutlicher wird die neue pädagogische Leitidee erkannt. 36 % sind mit den neuen Schulgesetzen und Schulgremien zufriedener als vor der Wende. 13 % sind mit den Schulgesetzen nicht zufrieden. 46 % sind nur teilweise mit dem neuen Schulrecht und mit Schulgremien zufriedener als vor der Wende. In der Gesamtstichprobe gibt es einen signifikanten Zusammenhang mit der „Zufriedenheit mit den Schulgesetzen“ und dem „Einsatz von West-Schulbüchern“. Je überzeugter die Kollegen West-Schulbücher in ihrem Unterricht einsetzen, desto zufriedener sind sie mit den neuen Schulgesetzen. Einen ähnlich signifikanten Zusammenhang gibt es zwischen der „Zufriedenheit mit den Schulgesetzen“ und dem Erleben eines „größeren pädagogischen Spielraumes“. Je größer der pädagogische Spielraum erlebt wird, desto zufriedener ist der Kollege mit den neuen Schulgesetzen und umgekehrt. Ein weiterer tendenziell signifikanter Zusammenhang besteht zwischen der „Zufriedenheit über die Schulgesetze“ und dem Erleben der „Arbeitsatmosphäre“. Je freier die Arbeitsatmosphäre empfunden wird, desto zufriedener ist der Kollege mit den neuen Schulgesetzen und Schulgremien.
6.3. Kommentar
Verhältnismäßig wenig Kollegen sind mit der neuen Schulbehörde und den neuen Schulgesetzen unzufrieden. Die Hälfte der Kollegen steht der neuen Schulbehörde und den neuen Schulgesetzen eher zögernd, abwartend und unschlüssig gegenüber (die meisten Kollegen kreuzten den Wert 3 „teils/ teils“ an). Ein Drittel der Kollegen ist mit der Schulbehörde und den neuen Schulgesetzen und Schulgremien zufrieden. Diese Kollegengruppe scheint insgesamt mit der Schule zufriedener zu sein; denn diese Kollegen erleben gleichzeitig eine neue pädagogische Leitidee, haben viel Kontakt zu West- Kollegen, erleben eine freiere Arbeitsatmosphäre und einen größeren pädagogischen Spielraum.

7. Verhältnis Ost : West
7.1. Vorbemerkung
Der Untersuchungsschwerpunkt dieser Umfrage (unter Ost- wie unter West- Blindenlehrern) ist, die Veränderungen herauszuarbeiten, die sich seit der Wende im November 1989 in den Blindenschulen vollzogen haben. Die Blindenpädagogik darf aber nicht von den gesellschaftlichen Bedingungen isoliert betrachtet werden, da der Pädagoge als Gesamtperson – nicht nur mit seinem Fachwissen – den Schülern gegenübertritt. Der Ost-Lehrer ist den enormen Veränderungen (von den „neuen Parteien“ bis zur „neuen Stromrechnung“) im selben Maße ausgesetzt, wie die anderen ehemaligen DDRBürger auch. Es ist davon auszugehen, daß sich die Einstellung zu diesen gesellschaftlichen Veränderungen im Unterricht – in welcher Form auch immer – widerspiegelt. Die Fragenauswahl des Ost-Fragebogens wurde primär bestimmt durch die Auswertung der zahlreichen Vorinterviews mit den Kollegen. In diesen Interwiews wurden immer wieder Themenbereiche angesprochen wie „Das Schätzen alter DDR-Werte“, „Die Diskriminierung des Lehrerstandes“, „Die Angst vor Veränderungen aus dem Westen“, „Die Abwehrhaltung gegenüber dem Westen“ und „Die Vorstellung vom Kennenlernen und Voneinanderlernen“. Der Fragebogen will weiterhin versuchen zu klären, ob die Vorstellung und der Wunsch des Kennenlernens auch im selben Maße durch entsprechende West-Kontakte in die Tat umgesetzt wurde und ob und in welchem Umfang Interesse am Kontakt zu West-Lehrern besteht.
7.2 Umfrageergebnis
„Ich vermisse das Schätzen alter DDR-Werte“ bejahen 46 %; 27 % verneinen dies und weitere 27 % stimmen dieser Aussage teilweise zu. Ein tendenziell signifikanter Zusammenhang besteht zwischen der Frage 12 („Ich vermisse das Schätzen alter DDR-Werte“) und der Frage 16 („Nach der Wende hatte ich die Vorstellung, daß eine Phase des Kennenlernens und des gleichberechtigten und gegenseitigen Voneinanderlernens beginnen würde“). Je deutlicher der Wunsch des Kennenlernens und Voneinanderlernens im November 1989 zum Ausdruck gebracht wurde, um so deutlicher wird heute – drei Jahre nach der Wende – das Schätzen alter DDR-Werte vermißt. „Ich empfinde ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl zu meinen (Ost)- Lehrerkollegen wegen der Diskriminierung unseres Lehrerstandes durch den Westen.“ Dies verneinen 69 % und bejahen 9 %. „Teils/teils“ sagen 22 %. „Ich habe Angst vor Veränderungen aus dem Westen“ verneinen 78 %, kein Kollege bejaht dies, und 22 % geben „teils/teils“ an. Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Frage 14 („Angst vor Veränderungen aus dem Westen“) und der Frage 30 („Im Gegensatz zur Situation direkt nach der Wende 1989 empfinde ich jetzt eher eine Abwehrreaktion gegenüber dem, was aus dem Westen kommt“). Kollegen, die deutlich sagen, daß sie heute keine Abwehrhaltung einnehmen gegenüber dem, was aus dem Westen kommt, sagen auch, daß sie keine Angst vor Veränderungen haben. „Im Gegensatz zur Situation direkt nach der Wende 1989 empfinde ich jetzt eher eine Abwehrhaltung gegenüber dem, was aus dem Westen kommt“ verneinen 65 %, 13 % bejahen diese Aussage, und 22 % sagen „teils/teils“. Es besteht ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der o. g. Frage 15 („Abwehrhaltung gegenüber dem Westen“) und der Frage 19 („Ich habe Interesse an dem Kontakt zu West (-Blinden-) Lehrern“). Je geringer die Abwehrhaltung gegenüber dem Westen ausgeprägt ist, desto größer ist das Interesse an West-Kontakten. „Nach dem 9. Nov. 1989 hatte ich die Vorstellung, daß eine Phase des Kennenlernens und des gleichberechtigten und gegenseitigen Voneinanderlernens beginnen würde“. Diese Aussage bejahen 74 % und verneinen 13 %. 13 % sagen „teils/teils.“ In der Gesamtstichprobe besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Frage 16 („Der Wunsch des Kennenlernens und Voneinanderlernens“) und der Frage 5 („Überzeugung von West-Lehrinhalten“). Je deutlicher die Vorstellung 1989 ausgeprägt war, daß nun eine Phase des Kennenlernens und Voneinanderlernens beginnen würde, desto weniger waren diese Kollegen drei Jahre später von den West-Lehrinhalten überzeugt. 92 % der Kollegen hatten in den letzten 12 Monaten aus beruflich/persönlichen Gründen Kontakt zu West-Kollegen gesucht. 9 % haben keinen Kontakt zu West-Kollegen in den letzten 12 Monaten gesucht. Es besteht ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Frage 17 („Kontaktaufnahme zu West-Kollegen“) und der Frage 6 („Größerer pädagogischer Spielraum“). Je häufiger der Kontakt zu West-Kollegen gesucht wurde, desto intensiver wurde der neue pädagogische Spielraum erlebt. 65 % der West-Kollegen haben von sich aus in den letzten 12 Monaten aus beruflichen/persönlichen Gründen Kontakt zu Ost-Kollegen gesucht. 35 % haben keinen Kontakt zu Ost-Kollegen gesucht. Ein signifikanter Zusammenhang besteht zwischen der Frage 17 („Kontaktaufnahme zu West- Kollegen“) und der Frage 18 („Kontaktaufnahme von West-Kollegen zu Ost- Kollegen“). Kollegen, die von sich aus keinen Kontakt zu West-Kollegen suchten, haben auch keinen Besuch von West-Kollegen erhalten. Je häufiger der Kontakt zu West-Kollegen gesucht wurde, desto häufiger haben die West-Kollegen von sich aus Kontakt zu ihren Ost-Kollegen gesucht. „Ich habe Interesse an dem Kontakt zu West(Blinden-)Lehrern“ bejahen 86 % und 34 % kreuzten „teils/teils“ an.
7.3 Kommentar
Ein ebenso überraschendes wie eindeutiges Ergebnis ist, daß kein Kollege angibt, er habe Angst vor Veränderungen aus dem Westen. Da genau diese Kollegen gleichzeitig angeben, daß sie keine Abwehrhaltung gegenüber dem Westen einnehmen, kann die oft in der Presse zitierte „Bedrohung aus dem Westen“ in dieser Umfrage nicht bestätigt werden. Der deutliche Wunsch nach West-Kontakten unterstützt diese Interpretation. Die hierbei deutlich werdenden Annäherungen an den Westen werden bei „inhaltlichen Fragen“ kritischer und differenzierter gesehen. So wird das „Schätzen alter DDRWerte“ von fast 50 % aller Kollegen vermißt. Und je deutlicher die Vorstellung 1989 bei den Kollegen ausgeprägt war, daß nun eine Phase des Voneinanderlernens beginnen würde, desto weniger waren die Kollegen drei Jahre später von den West-Lehrinhalten überzeugt, und umso mehr vermißten sie das Schätzen alter DDR Werte. Die Enttäuschung, die dabei indirekt zum Ausdruck kommt, müßte sich eigentlich im Lehrerverhalten – insbesondere bei Diskussionen mit Schülern im Unterricht – widerspiegeln. Die zu erwartende schwierige Diskussion mit Schülern findet aber nicht statt. Umso intensiver ist die Kontaktaufnahme zu den West-Kollegen, was nicht ohne Folgen blieb: Je häufiger der Kontakt zu West-Kollegen gesucht wurde, desto intensiver wurde der neue pädagogische Spielraum erlebt. Wiederum haben die Kollegen, die von sich aus keinen Kontakt zu West-Kollegen gesucht haben, auch keinen Besuch von West-Kollegen erhalten. Dieses Ergebnis ist nicht weiter verwunderlich, zeigt aber auf, wie wichtig häufiger Kontakt ist. Das Interesse an diesen Kontakten ist bei den Ost-Kollegen sehr deutlich vorhanden. Diese läßt die Annahme zu, daß die West-Kollegen bisher nicht wie die oft kritisierten Besserwisser aufgetreten sind.

VI. Umfrageergebnis West
An der West-Umfrage beteiligten sich 50 % Frauen und 50 % Männer. An der Schule gibt es aber doppelt soviel Frauen wie Männer, sodaß die Männer prozentual mehr an der Umfrage teilnehmen als Frauen – im Gegensatz zur Ost-Umfrage. 44 % der Kollegen waren 10 Jahre und länger im Schuldienst, 29 % (10) waren 4–9 Jahre, und 27 % (9) waren kürzer als 4 Jahre im Schuldienst. 50 % (17) der Umfragebeteiligten waren „Sonderschullehrer für Blinde“, 41 % (14) „Lehrer“ und 9 % (3) „Studienräte“, dies entspricht in etwa der Gesamtverteilung. Das West-Umfrageergebnis ist in 4 Themenbereiche unterteilt und wird – wie in der Ost-Umfrage – themenweise gegliedert in „Vorbemerkung“, „Umfrageergebnisse“ und „Kommentar“.

1. Vorstellungen der West-Kollegen am 9. November 1989
1.1 Vorbemerkung
Vor der Wende war so gut wie kein Kontakt zu der nur 40 km entfernten Blindenschule in Königs Wusterhausen vorhanden. Die Freude über den „Mauerfall“ war groß und teilweise euphorisch. Der erste Besuch des gesamten Kollegiums aus Königs Wusterhausen im Dezember 1989 in der West-Berliner Blindenschule schien geprägt zu sein von der Vorstellung, daß nun eine Phase des Kennenlernens und des gleichberechtigten und gegenseitigen Voneinanderlernens beginnen würde. Zu diesem Zeitpunkt war von einer Wiedervereinigung noch keine Rede, sondern von einer DDR, die auf der Suche nach einem neuen – alternativen – demokratischen Staat war. Spätestens beim Gegenbesuch des West-Kollegiums in Königs Wusterhausen kurze Zeit später wurden vielen Kollegen die großen Unterschiede in fast allen Bereichen bewußt. Die erste Frage soll u. a. versuchen zu klären, ob und in welchem Umfang die West-Kollegen von der Vorstellung geprägt waren, daß nach der Wende eine Phase des Kennenlernens und Voneinanderlernens beginnen würde.
1.2 Umfrageergebnis
39 % der Kollegen hatten nach dem November 1989 die Vorstellung, daß nun eine Phase des Kennenlernens und des gleichberechtigten und gegenseitigen Voneinanderlernens beginnen würde. 31 % teilen diese Vorstellung nicht, und weitere 30 % haben sich für die Antwort „teils/teils“ entschieden. Es besteht in der Gesamtstichprobe ein tendenziell signifikanter Zusammenhang zwischen der o. g. Frage 1 und der „Geschlechterverteilung“. Es sind hauptsächlich die Männer (69 %), die die Vorstellung hatten, daß nach dem November 1989 eine Phase des Kennenlernens beginnen würde. Frauen teilen diese Auffassung nur zu 3 %. Ein weiterer tendenziell signifikanter Zusammenhang besteht zwischen der o. g. Frage 1 und den „Schuldienstjahren“: Je länger die Kolleginnen und Kollegen im Schuldienst waren, umso deutlicher war die Vorstellung ausgeprägt, daß nach 1989 eine Phase des Kennenlernens beginnen würde. In der Gesamtstichprobe gibt es einen tendenziell signifikanten Zusammenhang zwischen der o. g. Frage 1 und der Frage 5 („Ich habe Interesse an dem Kontakt zu Ost-Blinden-Lehrern“). Je deutlicher die Vorstellung des Kennenlernens ausgeprägt war, desto intensiver ist das Interesse an dem Kontakt zu Ost-Kollegen.
1.3 Kommentar
Insbesondere die männlichen Kollegen, die länger als 10 Jahre im Schuldienst sind, hatten die Vorstellung, daß nach der Wende eine Phase des Kennenlernens und Voneinanderlernens beginnen würde. Dies kommentierte eine Kollegin mit der trockenen Bemerkung:“Wir Frauen sind realistischer.“ Damit wurde gleichzeitig indirekt zum Ausdruck gebracht, daß das erhoffte Kennenlernen zumindest nicht zufriedenstellend verlaufen ist. In den anschließenden Gesprächen kristallisierte sich bei den Männern eine größere Enttäuschung über das „unzureichende Zusammenwachsen“ heraus als bei den Frauen. Dies beeinflußt aber nicht das Interesse am Kontakt zu Ost- Kollegen. Die „enttäuschten männlichen Kollegen“ sind im selben Maße am Kontakt zu Ost-Kollegen interessiert wie die „realistischen weiblichen Kollegen“. Im Nachgespräch zu dieser Umfrage zeigten sich die Kolleginnen und Kollegen nicht überrascht, daß nur ein gutes Drittel der West-Kollegen von der Vorstellung des Kennenlernens und Voneinanderlernens ausgegangen ist. Sie gehen aber davon aus (ohne das Ost-Umfrageergebnis zu kennen), daß ihre Ost-Kollegen wesentlich stärker von der Vorstellung des Kennenlernens und Voneinanderlernens ausgegangen sind als sie selber.

2. Kontaktaufnahme (Ost wie West)
2.1 Vorbemerkung
Die Fragen nach der Kontaktaufnahme zwischen den Ost- und West-Kollegen wurde gestellt um feststellen zu können, inwieweit die Vorstellung des Kennenlernens auch in die Tat umgesetzt wurde. In den Vorinterviews wurde schon eine gewisse Diskrepanz sichtbar. Die Differenzierung zwischen „Kontaktsuche“ und „Kontaktaufnahme“ wurde notwendig um feststellen zu können, ob die angegebenen Kontakte auch auf der anderen Seite registriert wurden. Um die Antworten vergleichend auswerten zu können, waren die Fragestellungen im Osten wie im Westen gleich. Es muß in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß es die Ausnahme darstellt, wenn Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Schulen Kontakt untereinander aufnehmen. In der Regel bestehen nur vereinzelte Kontakte zu Kollegen anderer Schulen.
2.2 Umfrageergebnis
58 % geben an, daß kein Ost-Kollege in den letzten 12 Monaten Kontakt aus beruflichen/persönlichen Gründen zu ihnen aufgenommen hatte. 15 % geben an, daß ein- bis zweimal Ost-Kollegen Kontakt zu ihnen aufgenommen hatten, 27 % hatten drei und mehr Kontakte. Statistisch hoch signifikant ist die Korrelation zwischen der o. g. Frage 2 und der Frage 3 („Ich hatte in den letzten 12 Monaten aus persönlichen/beruflichen Gründen Kontakt zu Ost- Kollegen aufgenommen“.) Kolleginnen und Kollegen, die ihrerseits keinen Kontakt zu Ost-Kollegen aufgenommen hatten, hatten auch keinen Besuch in den letzten 12 Monaten von Ost-Kollegen erhalten. Ost-Kollegen haben von sich aus Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen gesucht, die auch ihrerseits Kontakt zu ihnen aufgenommen hatten. In der Gesamtstichprobe besteht ein signifikanter Zusammenhang mit dem „Berufsstand“. Ost-Kollegen haben am häufigsten Kontakt zu West-Kollegen gesucht, die einen Abschluß als „Sonderschullehrer für Blinde“ besitzen und haben am wenigsten Kontakt zu den „normalen Lehrern“ aufgenommen. 52 % der Kolleginnen und Kollegen geben an, daß sie in den letzten 12 Monaten keinen Kontakt aus persönlichen/beruflichen Gründen zu Ost-Kollegen aufgenommen haben. 24 % geben an, ein- bis zweimal, und weitere 24 % geben an, dreimal und mehr Kontakt zu Ost-Kollegen aufgenommen gehabt zu haben. Aus der Umfrage geht hervor, daß Kollegen, die länger als 10 Jahre in der Schule sind, weitaus mehr Kontakte zu Ost-Kollegen geknüpft haben (60 %) als Kollegen, die 4–9 Jahre in der Schule sind (33 %) bzw. 0–3Jahre(44%). Männliche Kollegen haben weitaus mehr Kontakte zu den Ost-Kollegen gesucht als weibliche. 63 % der Männer und nur 37 % der Frauen haben von sich aus Kontakt zu Ost-Kollegen gesucht. Diejenigen, die im letzten Jahr gar keinen Kontakt zu Ost-Kollegen hatten, waren zu 63 % weiblich und 37 % männlich. Der zu erwartende Zusammenhang zwischen der Vorstellung des Kennenlernens und der Kontaktaufnahme konnte statistisch nicht hergestellt werden. Die Kollegen haben häufig anders gehandelt als es ihren Vorstellungen direkt nach der Wende entsprach. Die Hälfte der Kollegen, die von einer Phase des Kennenlernens ausgegangen sind, haben keinen Kontakt zu ihren Ost-Kollegen aufgenommen. Und die Kollegen, die sich keinen Kontakt vorgestellt hatten, hatten zum Teil häufigen Kontakt zum Ost-Kollegium.
2.3 Kommentar
Knapp die Hälfte des West-Kollegiums hat allein im letzten Jahr Kontakt von sich aus zum Ost-Kollegium gesucht und im ähnlichen Umfang auch „Ost-Kontakte“ erhalten. Allein von dieser Feststellung ausgehend, liegt hier die Interpretation nahe, daß es sich um eine ausgewogene, selbstinitiierte und gleichberechtigte Kontaktpflege zwischen Ost und West handelt. Auch die Häufigkeit dieses Kontaktes ist im Verhältnis zu den üblichen Kontakten zu Kollegen anderer Schulen sehr hoch. Konfrontiert man die Kolleginnen und Kollegen mit diesem Umfrageergebnis, so sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Die einen sind enttäuscht, daß über die Hälfte des Kollegiums – besonders häufig Frauen – überhaupt keinen Kontakt im letzten Jahr zu den Ost-Kollegen gehabt hatten. Genau diese Kolleginnen erklären ihr Verhalten damit, daß sie keine zusätzliche Zeit neben den Unterrichtsverpflichtungen zur Verfügung haben, da sie als Frauen weiterhin primär zu Hause für Kochen, Kinder, Einkauf, Wäsche, Putzen usw. zuständig sind – und nicht die Männer. Andere sind wiederum enttäuscht über das „ungenügende Zusammenwachsen“ und stehen auf dem Standpunkt, daß sie von sich aus keinen Kontakt aufnehmen, da die Ost-Kollegen, die etwas wollen, sich von sich aus melden sollen. Aber genau dies tun die Ost-Kollegen nicht. „Wir haben auch einen Stolz“, erklärt dazu ein Ost-Kollege. Das Umfrageergebnis bestätigt, daß die Ost-Kollegen nur zu den West-Kollegen Kontakt suchen, die auch kontaktbereit sind. Warum hauptsächlich der Kontakt zu „Sonderschullehrern für Blinde“ geknüpft wurde, konnte nicht eindeutig geklärt werden. Eine Möglichkeit der Interpretation ist, daß es den Kollegen primär um Austausch von blindenspezifischem Fachwissen geht. (Eine statistisch auffällige Häufung der Gruppe Sonderschullehrer z. B. bei der Geschlechterverteilung oder den Dienstjahren gibt es nicht.) Wieder andere Kollegen geben an, daß sie keine Ost-Kontakte wünschen, weil sie selber genug eigene Probleme haben.

3. Neue Unterrichtsimpulse
3.1 Vorbemerkung
Der Schwerpunkt der Untersuchung ist, Veränderungen in der Blindenpädagogik, die durch die Wiedervereinigung entstanden sind, in Ost und West herauszuarbeiten. Bei den Vorgesprächen unter den West-Kollegen stellte sich heraus, daß die Frage der Veränderungen in der Blindenpädagogik ausschließlich ein Problem der Ost-Kollegen sei und Veränderungen im Westen weder erwartet noch erwünscht sind. Allein die Frage nach möglichen Veränderungen an ihrer eigenen Schule bzw. im eigenen Unterricht durch die „Wiedervereinigung“ wurde oft für überflüssig erklärt oder belächelt. Im Laufe der Gespräche wurde aber deutlich, daß durch Ost-Kontakte einige neue Impulse für den eigenen Unterricht wahrgenommen wurden.
3.2 Umfrageergebnis
70 % der Kollegen geben an, daß sie durch die Wiedervereinigung keine neuen Impulse für ihren Unterricht wahrgenommen haben. 21 % haben durch die Wiedervereinigung neue – für ihren Unterricht verwertbare – Impulse wahrgenommen, 9 % haben mit „teils/teils“ geantwortet. In der Gesamtstichprobe gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der obigen Frage 4 („Wahrnehmung neuer Impulse für eigenen Unterricht“) und Frage 3 („Kontaktaufnahme zu Ost-Kollegen“). West-Kollegen, die keinen Kontakt zu Ost-Kollegen gesucht haben, haben durch die Wiedervereinigung keine neuen Impulse für ihren Unterricht verspürt. Knapp die Hälfte der Kollegen, die Kontakt zu Ost-Kollegen aufgenommen haben, haben auch neue Impulse für ihren Unterricht wahrgenommen.
3.3 Kommentar
Die West-Kollegen haben in der Umfrage deutlich zu verstehen gegeben, daß wenig neue Impulse durch die Wiedervereinigung im West-Unterricht zu bemerken sind. Bei der Kommentierung sind die Kollegen sehr zurückhaltend, weil sie die Ost-Kollegen nicht verletzten und nicht als „Besserwessi“ betitelt werden wollen. Vorsichtig wurde interpretiert, daß die Kollegen in der DDR keinen pädagogischen Entwicklungsspielraum hatten und somit es nicht verwunderlich ist, daß auch die Pädagogik 20 Jahre stillstand: „20 Jahre Stillstand in der DDR sieht man außen an den verfallenen Häusern und in der Pädagogik innen im Schulgebäude im Unterricht.“

4. Kontaktinteresse
4.1 Vorbemerkung
Nachdem der Fragebogen die Einstellung der Kollegen im November 1989 untersuchte und die Kontakthäufigkeit im letzten Jahr erfragte, sollte noch das gegenwärtige Kontaktinteresse festgestellt werden. Von besonderem Interesse ist, ob ein Zusammenhang zwischen den o. g. Fragen hergestellt werden kann oder nicht. Auch hier wieder sind dieselben Fragen an die Ost- Kollegen gestellt worden, um einen Ost-West-Vergleich ableiten zu können.
4.2 Umfrageergebnis 58 % bekundeten Interesse an dem Kontakt zu Ost-Blinden-Lehrern. 15 % verneinten dies, und 27 % gaben „teils/teils“ an. Es besteht ein tendenziell signifikanter Zusammenhang zwischen der obigen Frage 5 („Kontaktinteresse“) und der Frage 4 („Vorstellung des Kennenlernens“). Ein weiterer signifikanter Zusammenhang besteht zur Frage 6 („Kontaktaufnahme“). Je häufiger der Kontakt zu Ost-Kollegen im letzten Jahr aufgenommen wurde, desto deutlicher ist das gegenwärtige Kontaktinteresse. Eine tendenziell signifikante Korrelation besteht zwischen der obigen Frage 5 („Kontaktinteresse“) und den „Schuldienstjahren“. Je kürzer die Kollegen im Schuldienst sind, desto größer ist das gegenwärtige Interesse an dem Kontakt zu Ost- Kollegen. Das Kontaktinteresse ist bei den „normalen Lehrern“ besonders groß (71 %), im Gegensatz zu den „Sonderschullehrern für Blinde“ (43 %).
4.3 Kommentar
Über die Hälfte des Kollegiums hat Interesse an dem Kontakt zu Ost-Kollegen. Vergleicht man dies mit dem gesamtdeutschen Interesse an Ost-West- Fragen, so ist das ein hoher Prozentteil. Obwohl die West-Kollegen wenig von den Ost-Kontakten für ihren eigenen Unterricht unmittelbar profitieren, bleibt das Kontaktinteresse erhalten. Zum einen kommt der persönliche Wunsch zum Ausdruck, den Ost-Kollegen zu helfen und auf der anderen Seite das Bewußtsein, daß das dringend notwendige „Zusammenwachsen, was zusammengehört“ auch praktisch in die Tat umgesetzt werden muß.

VII. Umfrageergebnis Ost-West-Vergleich
Der Fragebogen soll nicht nur die Veränderungen in der Blindenpädagogik durch die Wiedervereinigung herausarbeiten, sondern auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Ost- und West-Kollegen untersuchen. Im Osten haben sich hauptsächlich die Frauen an der Umfrage beteiligt, im Westen hauptsächlich die Männer. Fast 90 % der Kollegen im Osten sind 10 Jahre und länger im Schuldienst, im Westen sind es genau halb soviel. Für die Darstellung des Ost-West Vergleiches wurde die Tabellenform gewählt, die dann jeweils im nachfolgenden Kapitel kommentiert wird.
1. Vorstellungen der Ost- und West-Kollegen am 9. November 1989
„Nach dem 9. November 1989 hatte ich die Vorstellung, daß eine Phase des Kennenlernens und des gleichberechtigten und gegenseitigen Voneinanderlernens beginnen würde.“
ja : Ost 74%(3), West 39%(10)
nein: Ost 13%(3), West 30%(10)

1.1 Kommentar
Nur ein gutes Drittel des West-Kollegiums ist nach dem „Mauerfall“ davon ausgegangen, daß nun eine Phase des Kennenlernens und Voneinanderlernens beginnen würde. Bei den Ost-Kollegen war diese Vorstellung doppelt so stark ausgeprägt. Einige Ost-Kollegen sind enttäuscht über diese Einstellung ihrer West-Kollegen und sehen u. a. auch darin mit eine Ursache, warum sich das Zusammenwachsen allgemein so mühsam gestaltet. Es fehle die Hoffnung und Motivation, daß dieser schwierige Prozeß gelingen könne. Andere erklären sich diesen Unterschied damit, daß der Westen vom Osten nichts lernen kann oder will. Dieses Umfrageergebnis erklärt u. a. die Situation direkt nach der Wende, warum vom Westen her keine spontanen Aktivitäten von Lehrern initiiert wurden, wie Arbeitskreise zu gründen, gemeinsame private Treffen zu organisieren, aktive Partnerschaften zu übernehmen, gemeinsame Gewerkschaftstreffen durchzuführen, gemeinsame Schulfeste zu planen oder Lehrerstellen zu tauschen (sogar das Angebot, bei Westgehalt zeitlich begrenzt im Osten zu arbeiten und dafür zwei Ost-Kollegen im Austausch für einen West-Kollegen zu erhalten, wurde nicht wahrgenommen). Vielmehr wurden gemeinsame Aktivitäten von den Schulleitungen initiiert, organisiert oder zumindest unterstützt. Die notwendige Eigeninitiative und Motivation der „Basis“ ist nur in sehr geringem Umfang vorhanden.

2. Kontaktaufnahme Ost/West
„Ich hatte in den letzten 12 Monaten aus persönlichen/beruflichen Gründen Kontakt zu Ost- bzw. West-Kollegen aufgenommen“.
ja : Ost 91%(21), West 48%(16)
nein: Ost 9% (2), West 52%(17)
„Ost- bzw. West-Kollegen haben in den letzten 12 Monaten aus persönlich/ beruflichen Gründen Kontakt zu mir gesucht.“
ja : Ost 65%(15), West 42%(14)
nein: Ost 35% (8), West 58%(19)
2.1 Kommentar
Nur knapp die Hälfte der West-Kollegen hatte in den letzten 12 Monaten Kontakt zu Ost-Kollegen, wohingegen fast das gesamte Ost-Kollegium Kontakt zu den West-Kollegen gesucht hatte. Die Zusatzfrage soll klären, ob die angegebenen Kontakte auch wirklich auf der jeweils anderen Seite „registriert“ wurden. Bei der Betrachtung der absoluten Zahlen stellt sich heraus, daß die Kontaktaufnahmen der West-Kollegen von den Ost-Kollegen voll bestätigt wurden. Auch die Kontaktaufnahmen der Ost-Kollegen wurden von dem West-Kollegium bei der Betrachtung der absoluten Zahlen weitgehend bestätigt. Es muß davon ausgegangen werden, daß ein West-Kollege mehrere Ost-Kollegen getroffen haben muß. Insgesamt mußt festgestellt werden, daß ein sehr kontaktfreudiges Ost-Kollegium auf ein West-Kollegium trifft, wo nur jeder zweite Lehrer kontaktbereit ist. Ost-Kollegen haben bisher kaum Schwierigkeiten gehabt, „kontaktfreudige“ West-Kollegen zu finden, da u. a. das West-Kollegium um 50% größer ist als das Ost-Kollegium.

3. Neue pädagogische Leitideen im Osten und neue Impulse im Westen „An meiner Schule gibt es so etwas wie eine neue pädagogische Leitidee“ (Ost) und „Durch die Wiedervereinigung habe ich – für meinen Unterricht verwendbare – neue Impulse wahrgenommen“ (West).
ja : Ost 33%, West 21%
teils : Ost 48%, West 9%
nein : Ost 19%, West 70%
3.1 Kommentar
Nur ein Drittel des Ost-Kollegiums hat eine allgemein-pädagogische Veränderung an der Schule durch eine neue pädagogische Leitidee wahrgenommen; im Westen sind erwartungsgemäß noch weniger Veränderungen durch die Wiedervereinigung direkt im Unterricht spürbar geworden. Der deutliche Unterschied zwischen Ost und West wird dadurch sichtbar, daß fast die Hälfte des Ost-Kollegiums „teils/teils“ eine neue pädagogische Leitidee zu erkennen angibt, während die West-Kollegen mit einem eindeutigen „nein“ die Frage nach Veränderungen in ihrem Unterricht durch die Wiedervereinigung beantworten.

4. Kontaktinteresse Ost / West
„Ich habe Interesse an dem Kontakt zu Ost- bzw. West -Blinden- Lehrern.“
ja : Ost 86% (18), West 58%(19)
teils : Ost 14%(3), West 27%(9)
nein : Ost 0%, West 15%(5)
4.1 Kommentar
Ost-Kollegen haben ein ungebrochenes Kontaktinteresse an ihren West-Kollegen. Dies bringen sie u. a. dadurch zum Ausdruck, daß 72 % der „Ja-Stimmen“ den Wert 1 (= trifft genau zu) angekreuzt haben. Bei den West- Kollegen ist es eher umgekehrt. Nur etwas mehr als die Hälfte des West-Kollegiums ist an Ost-Kontakten interessiert, und davon sind nur 42 % der „Ja- Stimmen“ mit dem Wert 1 bedacht worden. Ost-Kollegen kommentieren das Ergebnis mit der Feststellung, daß sie mit den bestehenden West-Kontakten im großen und ganzen zufrieden sind.

VIII. Schlußbemerkungen
Die Umfragen und Interviews in Ost und West haben ergeben, daß durch die Wiedervereinigung eine Vielzahl von unterschiedlichsten Veränderungen in der Blindenpädagogik entstanden ist. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse birgt die Gefahr, daß die dringend gebotene Differenzierung der Aussagen vernachlässigt wird. Um dieser Gefahr zu begegnen, wird auf eine Zusammenfassung verzichtet und auf die Einzelergebnisse verwiesen. Dennoch soll der Versuch unternommen werden, denkbare zukünftige Entwicklungsschritte aufgrund der Ergebnisse aufzuzeigen. Das Ziel der Umfrage, nicht nur Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Ost und West Kollegen zu beschreiben, sondern auch mögliche Wege zu erforschen, die den schwierigen Prozeß des Zusammenwachens erleichtern könnten, wurde nur bedingt erreicht. Mit eine Ursache dafür, daß sich kein einheitliches Ergebnis aus der Umfrage entwickeln ließ, liegt u. a. daran, daß es drei Gruppen im Ost-Kollegium zu geben scheint. Die eine Gruppe ist weitgehendst zufrieden mit der heutigen Entwicklung und mit all den in der Umfrage aufgezeigten vielschichtigen positiven Effekten. Die andere Gruppe ist mit der gesamten Entwicklung unzufrieden, verbunden mit Rückzugstendenzen und dem Nachtrauern alter DDR-Werte. Die dritte Gruppe scheint sich in einer Orientierungsphase zu befinden und kreuzt bevorzugt den Wert „teils/teils“ in der Skala an. Dieses Ergebnis zwingt zu einer differenzierten Betrachtungsweise. Das Umfrageergebnis hat gezeigt, daß kein Zusammenhang zwischen der Arbeitsatmosphäre (als Gradmesser der Gesamtsituation) und der Häufigkeit des West-Kontaktes besteht. Die Vorstellung, daß häufige West-Kontakte die Arbeitsatmosphäre insgesamt verbesseren, kann diese Untersuchung nicht bestätigen. Es scheint eher so zu sein, daß die vorhandene Grundstimmung zu den Veränderungen in der DDR ausschlaggebend ist für das Gesamterleben – unabhängig von der Häufigkeit des West-Kontaktes. Der alleinige Vorschlag, die Ost-West-Kontakte systematisch auszubauen, würde somit wahrscheinlich nicht den erhofften Effekt bringen. Kontakte, die geprägt sind von einem Missionierungs- und Kolonialisierungsgedanken, haben bestenfalls keinen Effekt. Der Wunsch, einen großen Teil der Ost-Lehrerinnen und -Lehrer „möglichst schnell umzuschulen“, ist zwar verständlich, wird aber die erhoffte Verhaltensänderung nicht bewirken. Wenn Lernen Verhaltensänderung auf Grund einer gemachten Erfahrung heißt, so muß den Kollegen auch die entsprechende Zeit gewährt werden, um diese Erfahrungen machen zu dürfen. Für jeden neuen Lernvorgang sind entsprechend neue Erfahrungen notwendig. Hierbei reicht der gute Wille nicht aus; es sind auch Veränderungen in emotionalen Bereichen nötig, um langfristig zur Umwandlung von Einstellungen zu gelangen. Nach eigenen Erfahrungen – und das Umfrageergebnis unterstützt diese – ist davon auszugehen, daß Unterrichtsstil und Unterrichtsvorbereitung der jetzigen Generation von DDR-Lehrerinnen und -Lehrern, insbesondere mit langer Berufserfahrung, sich nicht grundlegend ändern werden. Die jetzige Schülergeneration ist diesen Unterrichtsstil gewohnt, sodaß die noch feststellbare und spürbare Harmonie zwischen Schülern und Lehrern nicht voreilig gestört werden sollte. Zusammenfassend muß festgestellt werden, daß Lehrern und Schülern in Ost wie in West Zeit gewährt werden muß, damit „zusammenwachsen kann, was zusammengehört“ (Willy Brandt). Die Kontaktbereitschaft ist besonders im Osten vorhanden. Die langfristigen freiwilligen Kontaktangebote sind ausbaufähig – in Ost und West. Der im Westen oft spürbaren Ungeduld, verbunden mit Unverständnis über die allzu lange Entwicklung im Osten, muß mit Mühe und Geduld begegnet werden, weil die Entwicklung Zeit benötigt.

Es ist das Los des Menschen, daß die Wahrheit keiner hat; sie haben sie alle, aber verteilt, und wer nur bei einem lernt, der vernimmt nie, was die anderen wissen.
Johann Heinrich Pestalozzi


Quelle: Behindertenpädagogik im vereinten Deutschland
Über die Schwierigkeiten eines Zwiegesprächs zwischen Ost und West
Herausgegeben von:
Ulrich Bleidick und Sieglind Ellger-Rüttgardt
Deutscher Studien Verlag - Weinheim 1994

©Johann August Zeune Schule