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Experimentelle Musik mit blinden Schülern, die nach dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ unterrichtet werden

Thema: Der Klang des Wassers oder Wasserklang
   

Ein Projekt der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde in Berlin

Ulrike Quittek-Eising, Sola Tetzlaff

Allgemeines
Die experimentelle Musik ist noch ein sehr junges Genre innerhalb der Musikentwicklung. Experimentelle Musik agiert grenzüberschreitend und wirkt oft provozierend. Sie entzieht sich jeder herkömmlichen Form und macht, was sie will. Mit ihr ist scheinbar alles möglich, durch sie wird aller Klang bedeutsam für das Musikmachen wird jeder Klang, jedes Geräusch zur Musik. Sogar die Stille.
In ihr verbirgt sich die große Chance in der Schule mit allen Schülern musikalisch erfolgreich zu agieren, indem sie uns die Möglichkeit eröffnet, nach neuen Klängen und Klangbilder zu suchen und die dazu passenden Instrumente zu erfinden und zu konstruieren. Experimentelle Musik bietet auch die Möglichkeit, ohne großes instrumentales Können und theoretisches Wissen Musik zu machen und eigenen Ideen, Gedanken und Stimmungen Ausdruck zu verleihen. Jeder kann sich individuell in diese Musik einbringen, nach seinen Möglichkeiten kreativ werden.
Aber auch das Hören bekommt eine neue Qualität. Ist das wirklich der Quarkbecher der da klingt? Wie aufmerksam muss ich zuhören, um die Musik zu erfassen?
Ausgehend von diesen Überlegungen fanden wir es an der Zeit, mit den Kindern das weite Feld der experimentellen Musik zu betreten, ein Material auszuwählen, dieses zu erkunden, es zum Klingen zu bringen, damit Instrumente erfinden und ein Musikstück zu erarbeiten – also experimentelle Musik zu machen.
Im Rahmen von komponierter Musik und strukturiertem Improvisieren sind unsere Schüler sehr vertraut mit dem Musizieren. Auch Klänge erfahren sie häufig in Entspannungssituationen mit Klangschalen, Windspielen und Energieklangstäben oder auch als Signal für den Beginn oder das Ende einer Aufgabe bzw. einer Unterrichtseinsequenz. Wie aber würden sie diese neue Herausforderung meistern?

Die Schüler
Blinden Kindern fehlt das Sehen als Sinn zur Erfassung der Welt. Diesen fehlenden Sinn müssen sie durch andere Sinne kompensieren. Blinde tun das sehr häufig mit dem Tast- und dem Hörsinn. Die Welt der Klänge steht ihnen daher sehr nah. Sie erhören sich ihre Umwelt. Geräusche und Klänge die in ihrer Umwelt erzeugt werden sind für sie sehr wichtig da sie sich an ihnen räumlich-örtlich und zeitlich orientieren. Klänge vermitteln ihnen Geborgenheit und Kontinuität oder signalisieren Veränderungen. Aus der Stimme der Lehrerin hören sie Aufforderungen, Bitten und Stimmungen heraus. Und oft erfreuen sie sich auch einfach nur an den vielfältigen Klängen in ihrer Umgebung. Klänge und Musik helfen ihnen bei der Beherrschung ihres Körpers, geben ihnen Struktur und vermitteln Entspannung. Die Kinder lieben es, sich mit Klängen und Musik zu beschäftigen. Daher liegt es sehr nahe, dass sich die Kinder vielfältig musikalisch beschäftigen.
Das Unterrichtsprojekt wurde mit Schülern der Abschlussstufe durchgeführt. Sie sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Sie werden nach den Förderschwerpunkten „Sehen“ und „Geistige Entwicklung unterrichtet. D.h. alle Schüler sind blind oder hochgradig sehbehindert und zusätzlich noch geistig behindert. Hinzu kommt bei allen Schülern eine große Entwicklungsverzögerung. Eine optische Orientierung in der Umwelt und Imitation von Verhaltensweisen ist ihnen kaum möglich. Sie sind im besonderen Maße auf körpernahe Reize und handlungsorientiertes Lernen angewiesen. Alle verfügen über eine gute akustische Wahrnehmungsfähigkeit.
Alle Schüler sind den Umgang mit Musik gewöhnt. Sie singen regelmäßig während des Unterrichtstages und spielen im Orff-Istrumentalkreis auf verschiedenen Instrumenten.
Diese Lernvoraussetzungen eignen sich gut für die Durchführung eines Projektes wie „Wasserklänge“.

Die Idee
Wasser ist in allen Lebensbereichen außerordentlich präsent. Es umgibt uns, wenn wir baden, schwimmen, duschen, uns waschen und die Zähne putzen. Wenn es regnet, spüren wir das Wasser auf unserer Haut, auf unserem Gesicht. Die meisten Nahrungsmittel werden mit Wasser zubereitet. Wir kochen Tee und trinken diesen. Wir hören das Wasser pfeifen, wenn es im Teekessel kocht, es rauscht aus dem Wasserhahn, plätschert im Bach oder Brunnen, platscht beim Saubermachen aus dem Eimer auf den Fußboden.
Es gibt noch viel mehr Berührungspunkte mit dem Wasser in unserem Alltag. Diese Aufzählung verdeutlicht uns, dass wir mit dem Wasser auf sehr vertrautem Fuße stehen, es täglich benutzen und doch sehr wenig beachten, ja es als selbstverständlich hinnehmen, dass es da ist. Häufig bemerken wir seine Wichtigkeit erst, wenn es mal nicht da ist. Und schließlich bestehen wir selber zu cirka siebzig bis achtzig Prozent aus Wasser.
Das alles ist Grund genug, dem Wasser einmal die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu schenken und es in seiner Vielfalt zu erkunden. Der Schwerpunkt dieser Erkundung ist die Auseinandersetzung mit dem Wasser als Material für die Erzeugung von Klängen und das Erfinden von Instrumenten und daraus folgend das Musizieren mit dem Wasser.
Über verschiedene Fragestellungen haben wir uns dem Material Wasser genähert:
Wie kann man Wasser zum Klingen bringen? Wie klingt Wasser in einer Schüssel, in einem Glas, in einem Eimer? Wie klingt Wasser in Verbindung mit einem anderen Material wie Plastik, Glas, Holz oder Metall? In welchen Gefäßen klingt es hell, dunkel, lang oder kurz? Kann man mit Wasser Rhythmen und kleine Klangmotive erzeugen? Finden wir Instrumente, mit denen wir musizieren können?

Einführung in das Thema
Um das Projekt „Experimentelle Musik mit Wasser“ inhaltlich deutlich im Musikbereich zu verankern, wählten wir den Weg über die Programmmusik. Wir erkundeten am Beispiel „Der Moldau“ von B. Smetana, wie Wasser melodisch dargestellt werden kann, welche Instrumente sich gut dazu eignen, wie man mit der Lautstärke und dem Tempo arbeiten kann, um Wasser hörbar werden zu lassen. So hörten wir, wie die Quellen aus dem Boden sprudelten, sich der Bach durch die Wiese schlängelt, der Fluss langsam breiter und behäbiger dahin fließt und wie die Steine das Wasser zu gefährlichen Stromschnellen werden lassen in denen das Wasser wild und hoch aufspritzt..
Diese musikalischen Bilder empfanden die Schüler mit der Baufolie, dem Klavier und den mit Wasser gefüllten Schüsseln nach. Anschließend erfanden sie ihren eigenen musikalischen Fluss und nannten ihn - wie nahe liegend für Berliner Kinder - „Die Spree“.
Danach reduzierten wir aber das musikalische Material auf das Wasser und fingen unter der Fragestellung „Was ist musikalisch mit dem Wasser alles möglich? an, Klangmöglichkeiten des Wassers zu erarbeiten. Deutlich forderten wir die Schüler zum experimentieren mit diesem Material auf und sich von den Bildern zu lösen. Nun soll alles möglich sein. Eigene Ideen und Vorstellungen von den Klängen rücken in den Vordergrund. Die Schüler sollen ihre bisherigen Erfahrungen beim Musizieren mit herkömmlichen Instrumenten in den Schaffensprozess einbringen, zu eigenen Spielformen kommen und Instrumente erfinden.

Die Instrumente
Die Schüler zeigten sich dem Material Wasser gegenüber sehr aufgeschlossen. Ohne Scheu benutzten sie spontan Hände und Mund, um verschiedene Geräusche zu erzeugen. Der Raum füllte sich mit leisem Plätschern, wildem Rauschen und lustigem Geblubber.
Später wurden dann noch andere Materialien und Alltagsgegenstände hinzugezogen und ausprobiert. So wurde herausgefunden, dass Wasser das aus einem Glas in eine gefüllte Wasserschüssel gegossen wird, einen plätschernden Ton erzeugt. Wird ein Weinglas mit der Öffnung nach unten ins Wasser getaucht und mit einem Schlägel leicht angeschlagen und es dann leicht auf und nieder bewegt wird, erklingt ein geheimnisvoll, fast gespenstisch wirkender Ton.
Ein großer Metall Behälter wurde mit Wasser gefüllt und von innen und außen bearbeitet. Die so erzeugten Töne klingen dumpf, fast bedrohlich.
Wird durch einen Schlauch, der ins Wasser geführt wurde kräftig geblasen, erklingen plubbernd hallige Töne.
Nach einer Zeit des Suchens und Ausprobierens, entschieden sich die Schüler für vier Instrumente: Wasserschüssel mit Hand, Schlauch, Glas und Mund.
Diese Instrumente werden im Folgenden noch einmal näher erklärt:
Die Wasserschüsseln sind große rechteckige Plastikschüsseln mit den ungefähren Maßen L 60, B 30, H 15. Diese wurden halb gefüllt mit warmem Wasser. Die sich bewegenden Hände bringen das Wasser zum Klingen.
Beim Instrument Mund erzeugen die Schüler Klänge mit ihrem eigenen Mund im Wasser.
Das Glasinstrument besteht aus der Wasserschüssel einem Weinglas und einem Holzschlägel (Kochlöffel. Das Weinglas wurde mit dem Boden nach oben angefasst, in die Wasserschüssel getaucht und angeschlagen. Es kann dabei aufwärts und abwärts bewegt werden. Dadurch entstehen verschiedene Klänge. Auch ist es möglich das Glas mit einzelnen Fingern anzuschlagen.
Das Instrument Schlauch ist ein einfacher Plastikschlauch (Heuler). Die Schüler halten sich das eine Ende an den Mund und das andere Ende in die Wasserschüssel. Kräftiges Hineinblasen in den Schlauch erzeugt den Klang.
Im Laufe der Arbeit stellten sich besondere Vorlieben für einzelne Instrumente bei den Schülern heraus, die bei der Gestaltung der Musikstücke berücksichtigt wurden.

Entwurf der Unterrichtseinheit
Die Unterrichtseinheit umfasste 14 Stunden und beinhaltete folgende Schwerpunkte:
1. Schwerpunkt (ca. 3h) Wie wird Wasser musikalisch dargstellt – wie klingt Wasser?
2. Schwerpunkt (ca. 4h) Erfinden von Instrumenten, Handhabung und Spiel der Instrumente und Auswählen der Instrumente
3. Schwerpunkt (ca. 4h) Erarbeiten der musikalischen Elemente: Dynamik, Tempo, Form und deren Anwendung, Erarbeitung kleiner Musikstücke
4. Schwerpunkt (ca. 3h) Vorbereitung des Konzerts, Generalprobe und Konzert
Die Unterrichtseinheit wird an dieser Stelle nur grob umrissen. Es wird das Wesentliche der einzelnen Schwerpunkte dargestellt. Die Arbeit erfordert ein großes Maß an Flexibilität von Seiten der Lehrkräfte, um den Schülern gerecht zu werden.
Bei der Feinplanung haben wir konsequent darauf geachtet, dass in allen Stunden die Inhalte der vorangegangenen Stunden wiederholt und gefestigt wurden und die Stunden sowohl Übungs- wie auch Erarbeitungssequenzen enthielten.
In allen Unterrichtstunden werden kleine Filmsequenzen aufgenommen, die später zu einer DVD zusammengestellt werden.

1. Schwerpunkt
1. Stunde

Darstellung von Wasser anhand der Moldau
Die Schüler hörten die Moldau von B. Smetana unter der Frage: Was beschreibt/ erzählt die Musik? Anschließend beschrieben sie, was sie sich beim Hören vorstellten. Auch kleine Geschichten die die Musik illustrieren, wurden erzählt. Im Laufe des Unterrichtsgesprächs erwähnte ein Schüler, dass die Musik auch Wasser sein könnte, Wasser, das fließt! Dieser Impuls wurde aufgegriffen und alle hörten noch einmal einen Ausschnitt der Musik in dem das Fließen gut zu hören ist. Nun hörten die Schüler noch einmal Ausschnitte, wo das Fließen der Musik ganz deutlich wird und auch Stellen, in denen das Wasser zum reißenden und tosenden Wasserfall wird.
Anschließend wurde die Moldau noch einmal gehört und die Schüler bekamen die Aufgabe eine Baufolie zur Musik so zu bewegen, dass das Fließen und Rauschen der Moldau nachvollzogen wird. Es wurde dann gemeinsam zusammengefasst, dass Smetana in seiner Musik speziell in einem Fluss darstellt.
Wasser kann man also musikalisch – klanglich darstellen. Wie aber klingt das Wasser?
Die weitere Arbeit vollzog sich vor allem an den Arbeitsplätzen der Schüler. Dort standen Wasserschüsseln bereit. Das Wasser in diesen Schüsseln sollten sie nun zum Klingen bringen. Spontan taten sie es mit der Hand und zwei Schüler sogar mit dem Mund.
Dann durfte jeder einmal alleine den Klang des Wassers, den er herausbekommen hat vorstellen. Die anderen Schüler spielten diesen Klang dann nach. Es folgte eine erste Improvisation:
Ein Schüler begann, die anderen setzten nacheinander dazu ein.
Eine weitere Spielform:
Alle spielen gemeinsam – ein Schüler spielt allein – alle spielen gemeinsam
wurde ausprobiert.

2. Stunde
Mit eigenen Ideen Wasser musikalisch darstellen
Die Moldau wird noch einmal gehört und die Bilder des werdenden Flusses explizit geklärt: Die Quelle, der Bach, der breite Fluss, der Wasserfall. Die Schüler spielen die Themen mit den Händen mit. Dann wurden die Schüler aufgefordert, weitere Möglichkeiten der Darstellung von Wasser zu finden. Sie kamen dann auf das Klavier. Auf diesem wurden dann kräftig brausende Wasserfälle gespielt. Da auch die Baufolie klingt, haben wir das bis dahin vorhandene Material genommen und damit eine Wassermusik in folgender Form gestaltet:
Hände bewegen das Wasser in der Schüssel (Quelle), zeitversetzt kommt die Baufolie schwingend dazu (Fluss) und dann erklingt wiederum etwas zeitversetzt das Klavier (Stromschnellen und Wasserfall)
Die Schüler gaben ihrer Musik den Namen: „Die Spree“

3. Stunde
Wasser als Instrument
Die Schüler hören am Anfang der Stunde einen Ausschnitt aus einer CD, auf der Schüler Musik mit Instrumenten aus Metall machen. Die Schüler fanden beim Hören heraus, dass es Instrumente aus Metall sind. Die Idee ähnliche Musik nur mit Wasser zu machen, fanden sie gut. Sie wurden mit dem Begriff „Experimentelle Musik“ bekannt gemacht.
Die Schüler wurden dann aufgefordert, musikalisch mit Wasser zu experimentieren und herauszufinden, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um Musik zu machen. Schnell wurde den Schülern beim Spielen klar, dass sie Absprachen bzw. einen Dirigenten brauchten. Gemeinsam wurde nun der Ablauf eines Stückes besprochen, ein Dirigent festgelegt und kleine Signale verabredet.
Mit dem Mund kann man im Wasser blubbern, Liedmelodien und Worte erklingen lassen und Rhythmen spielen.
Es entstanden zwei kleine Stücke mit folgenden Formen:
Ein Schüler beginnt, mit etwas zeitlichem Abstand setzen ein zweiter, dann ein dritter, dann ein vierter und schließlich setzt der fünfte Schüler ein.
Ein Schüler spielt allein – alle spielen gemeinsam – ein Schüler spielt allein – alle spielen gemeinsam – ein Schüler spielt allein – alle spielen gemeinsam.

2. Schwerpunkt
4. bis 7. Stunde
Erfinden weiterer Instrumente, Handhabung und Spiel der Instrumente
Ausgehend von den beiden vorhandenen Instrumenten (Glasinstrument, Schlauchinstrument, Mund und Wasserschüssel)wurde in einem Gespräch gemeinsam überlegt, wie Wasser noch zum Klingen gebracht werden kann. Dabei half es den Schülern, sich am Klasseninventar orientieren zu können. So kam die Idee, Gläser ins Wasser zu halten und sie mit einem Kochlöffel anzuschlagen. Da das Spielen mit dem Mund in der Wasserschüssel viel Spaß bereitete, aber nicht alle Schüler sich dies zutrauten, kamen sie auf die Idee mit den Schläuchen. Diese werden vielfältig zur Wahrnehmungsförderung eingesetzt und sind ständig präsent in der Klasse. So konnten alle über den Mund aktiv werden.
Nachdem das Instrumentarium vorhanden war, wurden Klänge ausprobiert und die Handhabung der Instrumente intensiv geübt. Immer wieder durften die Schüler Ideen vorführen oder nachmachen.
Die Spielformen dieser Phasen waren:
Ein Schüler spielt allein – alle spielen gemeinsam – ein Schüler spielt allein –alle spielen gemeinsam - ein Schüler spielt allein – ein Schüler spielt allein - ein Schüler spielt allein – ein Schüler spielt allein.
Ein Schüler beginnt, mit etwas zeitlichem Abstand setzen ein zweiter, dann ein dritter, dann ein vierter und schließlich setzt der fünfte Schüler ein.
Diese Stunden wurden immer wieder genutzt, um die Handhabung und Spielweise in Form von Einzelübungen zu festigen.

3. Schwerpunkt
8. bis 11. Stunde
Erarbeiten der musikalischen Elemente: Dynamik mit Stille, Tempo, Form und deren Anwendung, Erarbeitung kleiner Musikstücke
Nachdem die Schüler das Spielen auf ihren Musikinstrumenten gelernt und gefestigt hatten, konnte dazu übergegangen werden gemeinsam zu überlegen, was Musik noch ausmacht. Die Schüler fanden an Beispielen heraus, dass sich die Lautstärke und das tempo verändern können und das Stille ein zusätzliches spannendes Gestaltungselement ist. Mit diesen musikalischen Elementen wurde im Folgenden gearbeitet. Dabei spielten die Schüler einzeln oder gemeinsam. Sie stellten ihre eigenen Vorstellungen von laut und leise und langsam und schnell vor. Dann war es noch einmal wichtig, besonders auf die Form eines Musikstückes einzugehen. An dieser Stelle konnte auf die bereits benutzten Formen zurückgegriffen werden. Ausgehend von einem selbst gespielten Stück erkannten sie das formale Prinzip und konnten es erweitern und selbst kleine Stücke entwickeln.
Weitere Formen von Stücken:
Alle spielen gemeinsam  – alle spielen gemeinsam, einer spielt dazu auf einem anderen Instrument – alle spielen gemeinsam. 
Ein Schüler spielt allein – ein Schüler spielt allein – ein Schüler spielt allein  – ein Schüler spielt allein  – ein Schüler spielt allein. 
Ein Schüler spielt allein  – Stille - ein Schüler spielt allein – Stille - ein Schüler spielt allein  – Stille - ein Schüler spielt allein  – Stille - ein Schüler spielt allein  - Stille.
Auf diese Art und Weise entwickelten sich alle Stücke für das Konzert. 

4. Schwerpunkt
12. bis 14. Stunde
Diese Stunden dienten der intensive Probe der Musikstücke, der Generalprobe und die Aufführung der Musikstücke im Rahmen eines kleinen Kammerkonzertes. Die Sitzordnung und Spielrichtung wurden noch einmal manifestiert.


Die Stücke und die verbale Partitur

Im Laufe der experimentellen musikalischen Arbeit wurden folgende Stücke von den Schülern gemeinsam für das Konzert erarbeitet:
Stück für die Hände: Alle spielen leise und werden lauter – ein Schüler fängt allein an, dann setzen nacheinander alle anderen Schüler ein und werden langsam lauter.
Stück für die Hände und Mund: Alle spielen leise, werden dann laut und nach einiger Zeit wieder leise - während alle leise weiterspielen spielt einer mit dem Mund - hört der auf werden alle Hände wieder lauter und klingen leiser werdend aus.
Stück für Gläser: Einer beginnt - dann kommen nacheinander alle Spieler hinzu und werden lauter.
Stück für Schlauch: Ein Schüler spielt allein  – alle spielen gemeinsam – Zwei Schüler spielen zusammen – alle spielen gemeinsam – Ein Schüler spielt allein  – alle spielen gemeinsam
Stück für Hände und Mund, Schlauch und Glas als Soloinstrumente: Hände bilden den Background – nacheinander spielen alle Schüler auf ihrem Soloinstrument dazu
Stück für Hände, Mund, Schlauch und Gläser: Ein Schüler fängt allein auf einem Glas an zu spielen, nacheinander setzen zwei weitere ein - die Gläser spielen weiter und zwei Schläuche setzen nacheinander dazu ein - Gläser und Schläuche spielen im Wechsel - Stille - alle Schüler spielen mit den Händen - während drei Schüler mit den Händen leise weiter spielen, spielen zwei Schüler dazu mit dem Mund, alle werden immer lauter und hören gemeinsam auf.

Die Aufführung
Für die Aufführung der Wassermusik wurden die Schüler der Abschlussstufen und Oberstufen eingeladen. Es fand im Klassenraum statt, der dazu zu einem kleinen Kammermusiksaal umgebaut wurde. Für einen großen Raum reicht das Klangvolumen der Instrumente nicht. Auf eine elektronische Verstärkung wurde bewusst verzichtet.

Die Auswertung
Beobachtungen über die Auswirkungen des experimentellen Musizierens auf das Lernverhalten der Schüler.
Im Laufe des Projektes konnte beobachtet werden, dass sich das experimentelle Musizieren und die Ermöglichung von kreativem Verhalten positiv auf das Lernverhalten, das Selbstwertgefühl der Schüler und auf das soziale Beziehungsgefüge der Klasse ausgewirkt hat.
Das Element „ Wasser“ hat einen hohen Aufforderungscharakter und verbreitet Wohlempfinden , so dass die für blinde Schüler häufig zu beobachtenden Berührungsängste und ihre Tastscheu keine Hemmschwelle darstellten.
Die Auswahl der Instrumente erwies sich als gut. Die Schüler erlebten sich als Teil eines Instrumentes. Ohne sie hätte es keinen Klang gegeben. Das Spielen mit dem körpereigenen Instrument „Hand“ erhöht das elementare Musikerleben. Fachübergreifend werden Körperwahrnehmung und die Koordinationsfähigkeit beider Hände gefördert. Da die Hände bei blinden Schülern durch vielfältige Tasterfahrungen sensibilisiert sind, konnte dies als Basis für kreative Prozesse genutzt werden. Dies gilt ebenso für die Erprobung des Sprechwerkzeugs „Mund“. Durch summen, blasen, pfeifen, schnalzen, flüstern, rufen und sprechen ins Wasser erlebten sie die Beweglichkeit ihres eigenen Mundes , was als sehr lustvoll und motivierend von den Schülern erlebt wurde. Der Plastikschlauch konnte durch seine geriffelte Oberfläche gut von den Schülern gehandhabt werden, er ist biegsam und aufgrund seiner breiten Öffnung leicht anzublasen.
Im vorgegebenen Zeitrahmen des Projekts erwies sich die Auswahl von vier Instrumenten als angemessen sowohl im Hinblick das Wieder erkennen des Instruments im gemeinsamen Spiel und bei den Lernprozessen im Umgang mit dem Instrument. Alle Schüler können ihre Hände und Finger im Wasser aktiv bewegen, sie können den Mund zum Wasser führen und mit dem Mund Klänge im Wasser erzeugen. Sie können ebenso durch einen Schlauch Luft ins Wasser pusten und den Schlauch mit der anderen Hand ins Wasser halten. Etwas größeres Geschick erforderte es, ein Weinglas umgekehrt am Glasboden festzuhalten und durch Auf- und Abbewegungen in das Wasser zu tauchen und dabei mit einem Schlägel anzuschlagen.
Das experimentelle Musizieren lässt kaum Leistungsdruck entstehen, da es keine „falschen“ Klänge gibt. Dies motivierte die Schüler zum aktiven Tun, Entdecken der eigenen Möglichkeiten und kreativen Gestaltung. Besonders vor dem Hintergrund von Schülern mit degenerativen Krankheitsprozessen (NCP) spielt die Ermöglichungen von Erfolgserlebnissen.
Das Musizieren in der Gruppe und das gegenseitige Aufeinanderhören ermöglichte es, die eigene Bandbreite des Handlings zu erweitern und durch das Aufgreifen von Spielideen der Mitschüler zu variieren. Das lustvolle Erleben der eigenen Klangwelten wirkte sich positiv auf das Selbstwertgefühl der Schüler aus. Insbesondere die Aufnahme der Musikstücke und das Wieder erkennen der eigenen Klänge führte dazu, dass sich die Schüler als aktiv Musikschaffende erkannten.
Die Produktion einer DVD und die Aufführung der Wasserklänge führten dazu, dass die Schüler ernsthaft an dem Projekt mitarbeiteten und das gemeinsame Ziel auch mit Stolz vor Augen sahen. 
Das Beachten von Absprachen und Einhalten von Regeln hatte positive Auswirkungen auf die Konzentration der Schüler, die sehr bewusst musizierten, dem Spiel der Mitschüler zuhörten und die Stille wahrnahmen. Dies ermöglichte es den Lehrerinnen sich im Unterrichtsprozess zurückzunehmen.
Weiterhin hatten Struktur gebende Spielelemente gute Einflüsse auf das soziale Miteinander in der Klasse. Das Zusammenspiel, das Solospiel, das Nacheinandereinsetzen und Aufhören und das schülergeleitete Dirigieren machte in Gesprächskreise ein miteinander reden besser möglich, indem Zuhören, ausreden lassen und sich aufeinander beziehen selbst von den Schülern eingefordert wurden.
Für die Schüler war es schwierig, sich die Abfolge eines Musikstückes zu merken, da nicht mit Anschauungshilfen gearbeitet werden konnte. Deswegen wurden mehrer kleine Stücke erarbeitet. Der Einsatz der unterschiedlichen Instrumente und die Abfolge der Stücke wurden in Kurzform über eine Kassettenaufnahme deutlich gemacht und immer wieder in Erinnerung gerufen.
Das Wagnis Experimentelle Musik mit blinden und geistigbehinderten Schülern zu machen, stellte sich für alle als sehr bereichernd heraus. Vor allem die Schüler empfanden immer mehr Freude am eigenen Musikschaffen.



 

©Johann August Zeune Schule