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Das Deutsche Blinden-Museum
Von Dr. Hartmut Mehls

Das Deutsche Blinden-Museum (DBM) ist das älteste Museum in Steglitz-Zehlendorf und hat in seiner 116jährigen Geschichte ein wechselvolles Schicksal mit Höhen und Tiefen durchlaufen.

Direktor Karl Wulff hat das „Museum für Blindenunterricht“ - so der ursprüngliche Name - an der Königlichen Blindenanstalt zu Steglitz im Jahre 1890 gegründet. Das Museum erhielt ein Jahr später seine behördliche Zustimmung und war in zwei angemieteten Räumen des Mädchenheims untergebracht. Die Aufgabe des Museums bestand darin, alles was mit Blindenunterricht, Blindenausbildung und dem Blindenwesen überhaupt zu tun hatte, zusammenzutragen und für Besucher bereitzustellen. Die Sammlungen vermehrten sich schnell. Sie bildeten bereits 1904 den Grundstock für eine der glanzvollsten Auszeichnungen, die die Anstalt jemals erhielt. Die Blindenanstalt stellte auf der Weltausstellung in St. Louis (USA) im Jahre 1904 Lehrmittel, Blindenarbeiten, Abbildungen und Druckerzeugnisse aus, wofür sie den „Großen Preis“ (die höchste Auszeichnung) der Weltausstellung erhielt. Das Museum wurde schnell zum Anziehungspunkt für Fachleute aus dem In- und Ausland sowie für auswärtige Besucher von Steglitz, welches zu dieser Zeit mit über 80 000 Einwohnern das größte Dorf Deutschlands war.

Dieser Erfolg, verbunden mit der Tatsache, dass weder die Ausstellungs- noch die Magazinräume für die Fülle der Exponate ausreichten, führte zum Bau eines eigenen Museumsgebäudes, das anlässlich der Feierlichkeiten zur Eröffnung der Königlichen Blindenanstalt von 100 Jahren am 13. Oktober 1906 glanzvoll eingeweiht wurde. Die Vollendung des Museumsgebäudes hatte nicht nur die Auflösung der Kasse der Rothenburg-Stiftung zur Folge, da die Kapitalien völlig aufgebraucht waren, sondern das Museum hatte auch umfangreiche Zuschüsse von der Gemeinde Steglitz und von Preußen erhalten; die Angaben schwanken bis insgesamt 26 000 Mark - je nachdem, ob die Unkosten für die Vorbereitung und Durchführung der Feierlichkeiten zum Jubiläum mit in die Berechnung der Ausgaben einbezogen wurden.
Das Museum erhielt jährliche Unterstützung von 800 Talern aus dem Schulbudget, obwohl es eine eigenständige Einrichtung war, die allerdings eng mit der Anstalt zusammenarbeitete.

Das Museum besaß einen großen Saal (17 Meter lang, 13 Meter breit und 6 Meter hoch) und einen kleinen Saal, d.h. über 250 Quadratmeter Ausstellungsfläche (heute 72 Quadratmeter). Beide Säle waren mit Glasschränken und Glaskästen versehen; dazu besaß es einige Neben- und Magazinräume. Geleitet wurde das Museum von einem Lehrer und war an zwei Tagen in der Woche für das Publikum geöffnet (heute drei Stunden wöchentlich). 600 Besucher besichtigten - laut Gästebuch - die Ausstellungen jährlich.

Das Museum enthielt folgende Sammlungen:

  1. Bücher von Blinden und über Blinde und Blindenbildung sowie Hochdruckschriften verschiedener Systeme
  2. Lehr- und Lernmittel sowie Arbeitsgeräte für Blinde aus alter und neuer Zeit (einschließlich Werkzeuge und Maschinen)
  3. Spiele und Beschäftigungsmittel
  4. Arbeiten von blinden Menschen (Schülerarbeiten, handwerkliche Arbeiten und Kunsterzeugnisse von Nichtsehenden)
  5. Grundrisse, Ansichten und Modelle, Büsten, Reliefs und Bilder. Natürlich fehlten auch „Merkwürdigkeiten“ nicht, die Besuchermagneten waren, aber schnell zu falschen Verallgemeinerungen führen.

Seine Blütezeit erlebte das Museum in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Im Jahre 1920 wurde Oskar Picht Direktor der Schule. Er war geschichts- und technikbewusst und ließ sowohl die Sammlungen von Exponaten und wissenschaftlichen Büchern über Blinde und von Blinden ankaufen wie auch das Museum als wissenschaftliches Zentrum der Aufklärung und Bildung über das Blindenwesen weiter ausbauen. Diesen Auftrag übernahm die Blindenlehrerin Hedwig Schmidt, die, weil ihr Mann bereits beamteter Blindenlehrer in Steglitz war, keine Anstellung in der Schule erhielt, sondern als bezahlte Vollkraft im Museum arbeitete. Werner Schmidt, der von Seiten der Schule die Verantwortung für die Zusammenarbeit mit dem Museum hatte, stärkte den wissenschaftlichen Charakter und unterstützte so die Blindenlehrerausbildung. Er veröffentlichte zahlreiche Beiträge in Fachzeitschriften speziell über die Widerspiegelung des blinden Menschen und der Blindheit in der Literatur; die Studien sind heute noch gut lesbar und nicht von der Forschung überholt. Das Ehepaar Schmidt gab zusammen eine Bibliographie des Blindenwesens in drei Teilen heraus, auf die noch immer zurückgegriffen werden muss, weil in den letzten 70 Jahren nichts Vergleichbares erschien.

Im Jahre 1939 wurde das Museum umbenannt, von nun an hieß es „Museum für Blindenwesen“. Im neuen Namen kam die Veränderung in den vorangegangenen Jahrzehnten zum Ausdruck. Das Museum war nicht nur umfangreicher geworden, sondern hatte sich auch inhaltlich verändert; denn inzwischen dokumentierte es alle Bereiche des Blindenwesens.

Mit dem Zweiten Weltkrieg begann ein langanhaltender Niedergang. Während die Bombardierungen 1943 und 1944 und die Kämpfe um die Stadt im Frühjahr 1945 Lücken in die Bestände rissen, blieb aber der größere Teil der Museumsbibliothek und des Archivs erhalten. Wegen Raummangels wurde das Museum geschlossen und sein Gebäude der Schule eingegliedert. Exponate, Bibliothek und Archiv verstaute man auf Dachböden und in Kellern. Erst jetzt traten stärkere Verluste durch unsachgemäße Lagerung auf. Schimmel und Diebstahl rissen empfindliche Lücken.

War das Museum seit 1890 eine unabhängige Einrichtung mit eigener Finanzierung gewesen (mit einem Kurator, der eine kontinuierliche Museumsarbeit sicherte und mit der Blindenanstalt kooperierte), so verschwindet diese Trennung zwischen Schule und Museum nach Kriegsende. Ohne das Engagement der Schule und einzelner Pädagogen wäre das Museum nach dem Kriege allerdings sang- und klanglos verschwunden. Diese Fakten muss man bei der Wertung der Zeit nach 1945 und des persönlichen Einsatzes vor allem der Direktoren Richard Hamann und Uwe Benke im Auge behalten. Sie haben durch aktiven ehrenamtlichen Einsatz - unterstützt von einigen Lehrkräften - das Museum und dessen Bibliothek gerettet.

Anlässlich des 23. Blindenlehrerkongresses im Jahre 1956 (150 Jahre Blindenbildung in Deutschland) wurden die Exponate des Museums wieder zusammengetragen und in den Räumen des ehemaligen Vorschulgebäudes als Ausstellung präsentiert. Sie musste auf Weisung des Bezirksamtes Steglitz im Jahre 1971 wieder geschlossen werden, weil das benachbarte Fichteberg-Gymnasium diese Räume beanspruchte. Die Ausstellungsstücke wurden erneut auf Dachböden und in Abstellräumen verstaut; allerdings ohne Bibliothek, denn ihr widmete Richard Hamann seine gesamte Freizeit und katalogisierte sie; auf seine Arbeit wird heute noch zurückgegriffen.

Eine Wende zum Besseren trat ab dem Jahre 1983 ein, als der Blindenlehrer und spätere Direktor Uwe Benke sich des Museums mit großen Engagement annahm. Er rettete es buchstäblich vor dem endgültigen „Aus“, hatte doch das Deutsche Technikmuseum Berlin schon begehrliche Blicke auf entsprechende Exponate geworfen. Bei deren Verlust wären die Bestände zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Diesem Versuch begegnete Benke durch eine spürbare Reaktivierung der Ausstellungstätigkeit.
1983 wurde das Museum mit einem Teil der Bestände in der früheren Direktorenwohnung im 2. Stock des Hauses mit der Ausstellung „Zur Geschichte des Lesens und Schreibens der Blinden“ wiedereröffnet, die U. Benke und E. Pohl konzipierten und realisierten.
Neben der Dauerausstellung, die einen Querschnitt durch die Geschichte des Blindenwesens zeigt (wobei ab 1984 die Probleme der Sehbehinderten mit in die Konzeption einbezogen wurden), boten Sonderausstellungen Längsschnitte zu einzelnen Seiten des Blinden- und Sehbehindertenwesens.

Die Situation des Museums stabilisierte sich, als unter dem Vorsitz von Uwe Benke am 15. Juni 1986 der „Verein zur Förderung des Museums für Blindenwesen e.V.“ (VFMB) gegründet wurde.

In den folgenden Jahren wurden an Sonderausstellungen gezeigt:
„Landkarten und Globen“, „Die Hasenschule“, „Blinde und Beruf - 75 Jahre Berufsfachschule Dr. Silex“ und „Mit sechs Punkten um die Welt - 175 Jahre Punktschrift“. Ebenso sind bei den verschiedensten Gelegenheiten andere Veranstaltungen durch Wanderausstellungen des Blinden-Museums bereichert worden. Einige Exponate aus dem reichhaltigen Schatz gingen als Leihgaben bis in die USA.

Den größten Erfolg in seiner bisherigen Geschichte hatte das Museum mit der Ausstellung „100 Jahre Blinden-Museum“, die im September 1991 im Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz gezeigt und von ca. 14 000 Personen besucht wurde. Ein ausführlicher Katalog in Punktdruck und Schwarzschrift, der wissenschaftlich interessante Beiträge zum Blindenwesen vereinigt, begleitete die Exposition und setzt Maßstäbe für vergleichbare Projekte. (Die Ausstellung hatte Uwe Benke in Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Dienst Berlin und der Blindenanstalt Frankfurt am Main vorbereitet und aufgebaut.)

Seit dem Jahr 2000 finden in unregelmäßigen Abständen wissenschaftliche Vorträge mit anschließender Diskussion über die Geschichte des Blindenwesens und über blindentechnische Fragen statt, deren Besucherzahl sich zwischen 25 und 40 Personen bewegt. Durch die Unterstützung des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin (ABSV) und des Blindenhilfswerks Berlin ist es gegenwärtig möglich, das Museum durch den Einsatz einer Honorarkraft jeden Mittwoch zwischen 15.00 und 18.00 Uhr für Besucher offen zu halten und angemeldete Gruppen auch außerhalb dieser Zeit zu führen. Im Jahre 2005 besuchten wenigstens 1.320 Personen (ohne die 400 Besucher aus der „Langen Nacht der Museen“ und die 90 Gäste des Vortrags von Inge Deutschkron über Otto Weidt) das Museum. Davon waren: Erwachsene 92, Schüler 747, Auszubildende bzw. Studenten 481.
Es ist allerdings gegenwärtig nicht möglich, eine Fachkraft auch nur halbtags einzustellen. Das Museum erhält keinerlei finanzielle Unterstützung, sondern wird vom Förderverein (ab 26. Mai 2005 „Förderverein des Deutschen Blinden-Museums e.V.“ (abgekürzt: FVDBM) betrieben, d.h. von wenigen ehrenamtlichen Kräften, von denen die Hälfte blind ist.

Die Voraussetzungen für eine positive Entwicklung sind gegenwärtig nicht so trübe wie manchmal schon in früheren Jahren. Die Blindenselbsthilfe Berlin und das Blindenhilfswerk sowie Lehrkräfte der Humboldt-Universität haben die Bedeutung des Museums für die Öffentlichkeitsarbeit erkannt und unterstützen es aktiv. Seit Mai 2005 heißt das Museum „Deutsches Blinden-Museum“; mit der Namensänderung war auch eine inhaltliche Erweiterung verbunden: In die Sammel- und Ausstellungstätigkeit werden folgende Bereiche einbezogen: Kriegsblinde, Mehrfachbehinderte, Sehbehinderte sowie die große Gruppe der Netzhauterkrankten. Mit der thematischen Erweiterung und der größeren Ausstrahlung muss eine räumliche Ausdehnung und eine intensive Bearbeitung der Exponate sowie der Bibliothek und des Archivs erfolgen.

Der Förderverein für das Deutsche Blinden-Museum strebt im Bündnis mit der Schuldirektion danach, dem Museum die Stellung wiederzugeben, die es vor 100 Jahren eingeräumt bekam und vor 80 Jahren einnahm. Nur so kann es die wachsenden Aufgaben des Blinden- und Sehbehindertenwesens mit lösen helfen.
  
 

©Johann August Zeune Schule